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Gestresste Kinder : Schüler in der Optimierungsfalle

Schulkinder: Nur Projekte ihrer Eltern? Bild: dpa

Kinder halten viel aus, brauchen aber ihre Auszeiten und gelassene Eltern. Doch gerade Mütter übertreiben oft maßlos. Sie erziehen die Burn-out-Kandidaten von morgen.

          Kinesiologie, Finger-Yoga und Jin Shin Jyutsu - diese exotischen Entspannungstechniken werden nicht nur in Großstädten für Erwachsene mit Sechzigstundenwochen angeboten, sondern auch in der Grundschule der rheinhessischen Kommune Nieder-Olm für Schüler der Klassen drei bis fünf. Sie lernen, wie der Veranstalter, die Gemeinde, verspricht, neue Wege, ihre mentalen Kräfte einzusetzen. Das stärke das Selbstvertrauen und helfe gegen Konzentrationsschwäche, Ängste und Schulstress. Das Angebot ist nicht so ungewöhnlich, wie man meinen könnte. Kinder, die sich unter großem Druck, vor allem Leistungsdruck fühlen, gibt es in Deutschland genügend. Deshalb werden ihnen über das ganze Land verteilt Anti-Stress-Trainings angeboten. Die Techniker Krankenkasse veranstaltet schon seit Jahren von Wissenschaftlern entwickelte Präventionskurse. In einer Befragung hat die Kasse festgestellt, dass Stresssymptome schon im Jugendalter weit verbreitet sind. Besonders bedenklich: Jeder fünfte Jugendliche hat mehrmals in der Woche Kopfschmerzen. Jeder Dritte leidet zudem unter Bauchschmerzen oder Appetitlosigkeit.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Alarmiert ist auch der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Gerd Schulte-Körne: Der steigende Leistungsdruck in der Schule treibe viele Kinder in eine chronische Überforderung. „Dass jetzt schon Erstklässler Angst haben, in der Schule zu versagen, ist erschreckend“, sagte der Münchner Professor dem Forschungsmagazin seiner Hochschule. Schon 3 Prozent der Grundschüler und 6 Prozent der Jugendlichen seien depressiv.

          Die Hauptursache für das weitverbreitete Stressempfinden unter Schülern dürfte für viele unzweifelhaft sein: hohe Anforderungen im auf acht Jahre verkürzten Gymnasium. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, sieht das etwas anders: „Je besser die Lebensumstände sind, desto mehr wird auf hohem Niveau gejammert.“ Den Schülern würden Stressgefühle geradezu indoktriniert. Schuld seien Eltern, die ihre Kinder immer mehr verwöhnten, verschonten und überbehüteten.

          Nach Ansicht des Bielefelder Stressforschers Arnold Lohaus, der die Präventionskurse für die Techniker Krankenkasse entwickelt hat, spricht hingegen einiges dafür, dass auch das Gymnasium, vor allem G8, einen Anteil an dem zunehmenden Schulstress hat. Den Stoff zu reduzieren wäre schon wichtig, sagt Lohaus. Wegen G8 hätten die Schüler weniger Freizeit. Die sei als Ausgleich für die hohe Belastung in der Schule aber wichtig. Doch Lohaus sieht auch eine Verantwortung der Eltern: Die Lage spitze sich zu, wenn der Erwartungsdruck von Eltern hinzukomme, die unbedingt wollten, dass das Kind mindestens das erreiche, was sie selbst erreicht haben - oder sie noch übertreffen solle.

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