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Gestresste Kinder : Schüler in der Optimierungsfalle

Wie viel Stress in ihrem Gymnasium herrscht und welchen Anteil G8 daran hat, wollten Schüler der Frankfurter Carl-Schurz-Schule wissen. Sie führten eine Umfrage durch und berichteten vor kurzem in dieser Zeitung über die Ergebnisse. Jüngere Schüler fühlten sich deutlich gestresster als ältere; Letztere waren sogar in großer Zahl der Meinung, genügend Freizeit zu haben, und blickten zuversichtlich in Richtung Abitur. Die jüngeren klagten hingegen über zu wenig freie Zeit. Viele Schüler gaben auch an, sich nicht nur selbst zu stressen, sondern auch von ihren Eltern unter Druck gesetzt zu werden. Ein Schüler, der an der Umfrage beteiligt war, drückte es so aus: „Es entsteht bei einigen das Gefühl, dass man immer die besten Leistungen bringen muss, um alle zufriedenzustellen und niemanden zu enttäuschen. Meiner Ansicht nach wird es einem ja immer eingetrichtert, dass man heutzutage ohne Abi so gut wie gar keinen Beruf ausüben kann.“ Therapeutin Laufer sagt, man könne den Stress der Schüler kaum von dem Verhalten der Eltern trennen. „Wenn viel Druck in der Schule ist, dann kommt es darauf an, wie Eltern damit umgehen: Sagen sie, nicht so schlimm, das Gymnasium ist nicht alles, oder sagen sie, du musst es unbedingt schaffen?“

Kinder und Eltern unter Schulstress - nach Studien der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ist das in Deutschland ein Massenphänomen. „Schule ist in vielen Familien das dominierende Thema am Nachmittag. Unterrichtsausfall oder ein krankes Kind lösen dort sofort Druck aus“, sagt Christine Henry-Huthmacher, Bildungsexpertin der KAS. Stress herrsche vor allem in der Mittelschicht. Die Oberschicht kaufe sich frei, schicke ihre Kinder auf Privatschulen mit individueller Betreuung, in der Unterschicht herrsche oft Resignation. Die Stoffmenge auf dem Gymnasium habe enorm zugenommen, sagt Henry-Huthmacher. Details müssten gelernt werden - da frage man sich schon, wozu. Das verunsichere Eltern. Gleichzeitig findet nach den Erkenntnissen der KAS nur ein Zehntel, dass sich ihre Kinder wirklich ins Zeug legten, um etwas zu erreichen. Auch die Lehrer beklagten eine mangelnde Leistungsbereitschaft - und forderten sie von den Eltern ein. „Gibt es dann Probleme in der Schule, entmündigen die Eltern ihre Kinder. Vor allem Mütter setzen sich dann nachmittags hin, lernen mit ihren Kindern und werden so zu Hilfslehrerinnen“, sagt Henry-Huthmacher.

Wer Kinder auf dem Gymnasium hat, wird problemlos Belege für ein überaus großes Engagement von Eltern, vor allem von Müttern finden. Die Termine von Klassenarbeiten und den geforderten Stoff können viele Mütter aus dem Effeff nennen. Oft sagen sie: „Morgen schreiben wir (!) eine Klassenarbeit.“ Eine nicht untypische Mutter, die jeden Nachmittag der Hausaufgabenbetreung ihrer Tochter widmete, ließ die Zügel etwas locker. Daraufhin schrieb das Kind eine Vier. „Das geht nicht. Ich muss nun wieder regelmäßig mit ihr lernen.“ Die Zahl der Freizeitaktivitäten wurde auf drei zurückgeführt. Dafür gibt es nun Nachhilfe.

Ohne G8 wäre auch Druck da

„Der Erfolg der Kinder in der Schule hat einen dominanten Stellenwert bekommen, auch zur Legitimation der eigenen Erziehung“, sagt Henry-Huthmacher. Ohne G8 wäre auch Druck da, ist sie überzeugt. Denn für viele Eltern sei das Abitur das Mindeste.

Stressforscher Lohaus warnt freilich vor zu viel Panik in Sachen Schulstress. Und er warnt davor, Kinder vor jeglichem Stress zu retten. „Stresserfahrungen lehren Kinder, mit Stress umzugehen. Schließlich wird man auch später mit Stress zu tun haben.“ Eltern sollten aber auf Überforderungssignale achten. Dazu gehören Kopfschmerzen, Bauchschmerzen und Einschlafprobleme, ein starker Leistungsabfall in der Schule und ein Rückzug aus dem Freundeskreis. Alarmierend ist dies, wenn es zum Dauerzustand wird. Ansonsten sollten es Eltern auch mal laufen lassen, sagt Lohaus. Vor allem aber seien sie in ihrem eigenen Umgang mit Stress den Kindern ein wichtiges Vorbild.

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