https://www.faz.net/-gyl-7jodp

Gestresste Kinder : Schüler in der Optimierungsfalle

Eltern wollen, dass Kinder wieder „funktionstüchtig“ werden

In die Münchner Coachingpraxis von Alexandra Laufer kommen Kinder, die in der Schule nicht mehr so funktionieren, wie die Eltern sich das wünschen. „Sie kommen, wenn ihr Leistungsabfall durch Nachhilfe, Ergotherapie oder Ähnliches nicht mehr abgepuffert werden kann. Das Anliegen der Eltern: Das Kind soll wieder funktionstüchtig werden“, sagt Laufer, die ansonsten Führungskräfte coacht. Die Kinder, die zu ihr kommen, sind in der Regel zwischen neun und elf Jahren jung und machen etwa ein Drittel ihrer Klienten aus. Die eine Hälfte stammt aus Familien mit offensichtlichen Problemen wie Arbeitslosigkeit oder zerrütteten Ehen, die anderen stehen unter einem „wahnsinnigen“ Erwartungsdruck ihrer Eltern. „Es ist für mich fast unmöglich, mit diesen Kindern Termine auszumachen. Das geht mit einer Führungskraft der höchsten Ebene leichter“, erzählt Laufer. „Manchmal geht es nur am Samstagvormittag.“ Eine „Wochenarbeitszeit“ aus Schule, Hausaufgaben und zusätzlicher Sport- und Musikerziehung von bis zu 45 Stunden sei für diese Kinder normal. Da bleibe keine freie Zeit mehr für die Selbstregulation. „Stress ist eigentlich etwas Selbstverständliches, und Kinder können gut lernen, damit umzugehen. Doch dafür brauchen sie Auszeiten.“ Sie sollten einfach mal Lust und Laune haben dürfen, einfach mal frei sein.

In den ersten Stunden sitzen ganz unterschiedliche Kinder vor ihr. „Manche schauen mich kaum an, andere sind aggressiv und bockig, wieder andere tun so, als sei alles gar nicht so schlimm.“ Laufer baut ein Vertrauensverhältnis auf. „Dann erzählen Kinder, dass sie Angst haben, schlechter in der Schule zu werden, weil die Mama dann so traurig wird. Oder dass viel Stress in der Familie entsteht, wenn sie schlechte Noten haben.“

Entwicklungspsychologisch ist es so, dass die Entwicklung eines Kindes schlechter verläuft, wenn keine gute Bindung zu den Eltern existiert. Deshalb tun Kinder instinktiv alles für eine gute Bindung. Und sie bekommen Schuldgefühle, wenn sie glauben, einen Anteil am Stress in der Familie zu haben. Laufer arbeitet mit den Kindern auch an diesen Bewertungen: Ist die Mama wirklich wegen der Drei in Mathe so traurig? Wenn das Leistungsdenken der Eltern sehr stark ausgeprägt ist, ist es für die Therapeutin schwer voranzukommen. Wenn sie ihnen zum Beispiel rät, einfach mal herumzutrödeln, dann brechen sie das Coaching ab. „Solche Eltern lassen sich erst die Augen öffnen, wenn der Leidensdruck maximal ist, wenn die Leistungseinbrüche maximal sind, wenn sie sehen, dass es nicht mehr funktioniert.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Blick auf die Oberbaumbrücke, die Friedrichshain und Kreuzberg verbindet.

Glücklich im Job : Wo die Arbeit am meisten Spaß macht

Laut einer neuen Auswertung leben die glücklichsten Arbeitnehmer in Berlin. Aber was fördert überhaupt die Zufriedenheit von Mitarbeitern? Mehr Freizeit statt mehr Geld ist nur eine Möglichkeit.

Trumps Ausfälle : Rassist? Hetzer!

Trumps Anhänger lieben es, wenn er vulgär und beleidigend wird. Das nennt man Mobilisierung. Da spielt es fast keine Rolle, ob er ein Rassist ist oder nicht. Dem Land dient das in keinem Fall.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.