https://www.faz.net/-gyl-6kwck

Gescheiterte Ingenieursprojekte : Reif für die Tonne

In Deutschland gab es keine Marktlücke für ihn: Der Transrapid Bild: dpa

Scheitern gehört zum Alltag der Ingenieure, aber nicht zu ihrem Selbstbild. Dabei landen in Wirklichkeit die allermeisten Entwicklungsprojekte im Papierkorb.

          Gedenktage gibt es schon zu viele im Kalender, aber zumindest eine Schweigeminute stünde Ingenieuren am 10. August gut zu Gesicht. An jenem Sommertag im Jahr 1628 sank im Hafen von Stockholm das Flaggschiff der schwedischen Marine. Es war die Jungfernfahrt der „Vasa“, 20 Minuten hielt ihr Ruhm als mächtigstes Kriegsschiff der Welt. Dann wurde sie, weil die Bootsbauer ihrem königlichen Auftraggeber zu viele seiner Wünsche erfüllen wollten und darüber die Seetüchtigkeit vernachlässigten, zum Sinnbild des Scheiterns. Das passende Maskottchen für einen Berufsstand, der unentwegt an Projekten tüftelt, die im Papierkorb landen. Auf 15 Prozent schätzen Technikwissenschaftler die Erfolgsquote von Ingenieuren.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was ein Erfolg ist und was nicht, darüber allerdings lässt sich streiten. Florian Dignath etwa, der nach dem Maschinenbaustudium eine Promotion über mechatronische Systeme angeschlossen hat, ist danach von Thyssen-Krupp ins Transrapid-Team geholt worden. „Damals war richtig Euphorie drin“, berichtet er. Silvester 2002 gingen Bundeskanzler Schröder und der chinesische Ministerpräsident in Schanghai an Bord der Magnetschwebebahn, die Hersteller feierten den ersten großen Verkaufserfolg der seit den siebziger Jahren entwickelten Idee. „Als nächstes stand München auf dem Plan“, sagt Dignath. „Dafür habe ich am meisten gearbeitet.“

          Die Verbindung zwischen Flughafen und Bahnhof war das Prestigeprojekt von Edmund Stoiber, gebaut wurde sie nie. Stattdessen kamen bei einem Unfall auf der Teststrecke im Emsland 23 Menschen ums Leben, das hat die Politiker abgeschreckt. Zum Exportschlager ist der Transrapid nicht geworden. Aus Mangel an Aufträgen schließt Thyssen-Krupp zum Jahresende sein Transrapid-Werk in Kassel.

          Überzeugt von der Technik

          Auf die Technik aber lässt Florian Dignath nichts kommen. „Je mehr ich von ihr weiß, desto mehr bin ich von ihr überzeugt.“ Der nationale Flugverkehr lasse sich mit der Magnetschwebebahn komplett ersetzen, der Kohlendioxidausstoß drastisch senken. Dass sich ausgerechnet Umweltverbände gegen den Transrapid ausgesprochen haben, hält Dignath noch heute für absurd. Er selbst hat in der Entwicklungsabteilung in München unter anderem an der Energieübertragung und der Magnetregelung gefeilt. „Wir haben qualitativ gute Arbeit abgeliefert“, sagt er. Deshalb wirkten die acht Jahre im Lebenslauf auf potentielle andere Arbeitgeber nicht wie ein Stigma, sondern wie eine Auszeichnung, da ist er sich sicher.

          Bislang gebe es genug Aufträge aus anderen Konzernbereichen. „Wenn das nicht mehr der Fall sein sollte, wird es schwierig, etwas ähnlich Spannendes zu finden.“ Als er sich für den Transrapid entschied, lag ihm auch das Angebot eines Autobauers vor. „Damals habe ich geschwankt. Heute könnte ich mir eine Stelle im Automobilbau nur noch schwer vorstellen. Das Auto stellt schließlich keine grundlegende Innovation mehr da.“

          Es braucht eine Marktlücke

          Ein Produkt für die Zukunft sieht Reinhold Bauer allerdings auch im Transrapid nicht. „Typ 6, Zeitfenster verpasst“, lautet seine knappe Diagnose. In dem Buch „Gescheiterte Innovationen“ teilt der Hamburger Historiker fehlgeschlagene Entwicklungen in sechs charakteristische Gruppen ein: Technische Schwierigkeiten und überlegene konkurrierende Lösungen können eine Innovation demnach genauso scheitern lassen wie ein zu großer Neuigkeitsgrad, von dem sich die Nutzer überfordert fühlen. Andere Entwickler konstruieren laut Bauer wie die Pioniere der Mikrowelle am Bedürfnis der Kundschaft vorbei, die in den fünfziger Jahren noch viel Zeit zum Kochen hatte. Entscheidend sei die stabile Finanzierung eines Projekts - und die Kunst des richtigen Timings. „Für den Transrapid gibt es kaum noch eine Marktlücke“, sagt er. „Fliegen ist zu billig, die Eisenbahn zu schnell geworden.“

          Egal, aus welchem Grund es zu ihnen kommt, Misserfolge hält der Historiker für unvermeidbar. „Mit ihnen wird Erfolg gekauft“, lautet seine Trostformel. Mit der klassischen optimistischen Ideologie des Ingenieurs, der mit Technik die Welt zu gestalten können glaube, lasse sich diese Einsicht jedoch nicht leicht verbinden. Benötigen die Techniker dafür womöglich gar psychologische Hilfe? „Mit jungen Mitarbeitern führe ich zum Teil sehr lange Gespräche, wenn ihr Projekt nicht fortgesetzt wird“, sagt Adrian Hanussek, der seit 21 Jahren für Bosch arbeitet und heute eine Forschungsabteilung des Konzerns leitet. „Je mehr sich einer engagiert hat, desto mehr schmerzt das.“ Er selbst habe das gleich in seinem ersten Einsatz für Bosch erlebt: „Vierradlenkung, das war ein phantastisches Thema. Aber dann kam ESP und hat das Problem der Fahrstabilität und Fahrdynamik noch besser gelöst.“ Inzwischen verbuche er solche Fehlschläge als wichtige Erfahrungen - und lege auf genau diese Fähigkeit zur produktiven Verarbeitung auch in Bewerbungsgesprächen großen Wert. „Denn wer nach zehn Jahren im Beruf behauptet, ihm sei noch nie etwas schiefgegangen, dem glaube ich nicht.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Umfrage zu Russland : Mächtig, aber unbeliebt

          Wer Macht hat, ist nicht automatisch beliebt. Auf Russland trifft das zu, wie eine neue Umfrage des Pew-Instituts zeigt. Auf den zweiten Blick offenbaren sich interessante Unterschiede unter den Befragten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.