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Produktivität unterwegs : Arbeitest du noch, oder reist du schon?

Schnell das Handy wieder einschalten: Wie viel Dienstreisende im Flieger wirklich arbeiten, ist für Chefs schwer nachvollziehbar. Bild: Oliver Tjaden/laif

Arbeitgeber müssen die Reisezeit bei Auslandsreisen wie Arbeitszeit vergüten. Aber längst nicht jeder ist unterwegs produktiv: Tippen, schlafen, Netflix gucken – was tun Dienstreisende in Zug und Flieger?

          Sobald der Zug losfährt oder das Flugzeug vom Terminal losrollt, folgt der Griff in die Laptop-Tasche. Schnell den Rechner aufgeklappt, dann geht es konzentriert an die nächste Excel-Tabelle. Sieht so die Realität auf Geschäftsreisen aus? Seit Mitte Oktober diskutiert jedenfalls ganz Deutschland über diese und ähnliche Fragen. Schuld war ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das manchem Chef die Sorgenfalten ins Gesicht trieb: Ein Geschäftsreisender hatte erstritten, dass seine Reisezeit wie Arbeitszeit zu vergüten war.

          Marcus Jung

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ob Angestellte unterwegs eher tippen, Netflix gucken oder ganz die Augen zu machen, ist indes keineswegs klar – weder wissen es die Chefs, noch gibt es verlässliche Zahlen aus Studien. Wenn der Kegelclub mit im ICE-Großraumwagen sitzt oder der Sitznachbar im Flugzeug alle fünf Minuten in das Gepäckfach greifen möchte, kann es schwer sein, sich zu konzentrieren. Computer und Unterlagen auszubreiten gelingt in der Bahn nur gut, wenn der Nachbarplatz frei ist, in einer engen Economy-Class-Sitzreihe im Flieger ist es selbst dann eine harte Übung. Umso verwunderlicher ist es, dass manche Geschäftsreisende regelrecht von ihrer Produktivität auf Reisen schwärmen. 35 Prozent gaben in einer Umfrage des Deutschen Reiseverbandes an, dass sie unterwegs produktiver seien als am Schreibtisch. Jeder Fünfte war überzeugt, seine Leistung liege um mehr als 20 Prozent über dem Pensum, das er im Büro bewältige.

          Klar, dass der Chef auch dafür zahlen soll! Das dachte sich zumindest der Bauinspektor aus der Pfalz, von dem die aktuelle Debatte ursprünglich ausging. Besser gesagt: Von einer Dienstreise, wie sie der Mitarbeiter in früheren Jahren im In- und Ausland mehrfach absolviert hatte. Der Fachmann für Schallschutz im Kraftwerks- und Anlagenbau erhielt Anfang August 2015 den Auftrag, die Montage auf einer Auslandsbaustelle zu überwachen. Es handelte sich dabei um mehrere Projekte in Bengbu, einer Millionenstadt im Osten Chinas. Sein Arbeitgeber, ein Bauunternehmen mit Schwerpunkt auf technischer Akustik, entsandte ihn für mehr als zwei Monate dorthin. In dem Entsendevertrag übernahm der Arbeitgeber die entstehenden Kosten für Kost, Logis und Reise – nicht aber die Bezahlung von Reisezeit.

          Über diesen Punkt streiten der Mitarbeiter und das Unternehmen seit Jahren vor den Arbeitsgerichten. Und aktuell sieht es danach aus, als würde sich der Bauinspektor mit seiner Forderung „Reisezeit ist bezahlte Arbeitszeit“ durchsetzen: Nach dem neuen Urteil des Bundesarbeitsgerichts in Erfurt sind nämlich die für Hin- und Rückreise erforderlichen Zeiten bei Auslandsreisen in der Regel wie Arbeitszeit zu vergüten. Die Richter argumentierten: Wer seine Mitarbeiter auch nur vorübergehend ins Ausland entsende, verfolge damit ausschließlich eigene Interessen (Az.: 5 AZR 553/17). Für den Bauinspektor heißt das: Er kann für die insgesamt vier Reisetage mehr verlangen als seinen sonst üblichen Lohn für acht Stunden Bauaufsicht. Im ungünstigsten Fall müsste ihm sein Arbeitgeber den gesamten Zeitraum vom Verlassen seiner Wohnung bis zur Ankunft in Bengbu zahlen, das fünf Autostunden westlich der Metropole Schanghai liegt.

          Sonntagsanreise ist unbeliebt

          Schwer vorstellbar, dass der Mitarbeiter während dieser langen Zeit tatsächlich so produktiv war, wie wenn er die gleiche Zeit im Büro verbracht hätte. Was und wie viel Dienstreisende unterm Strich unterwegs leisten, darüber gibt es nur vage Anhaltspunkte. Laut ihrer Selbstauskünfte gegenüber dem Deutschen Reiseverband nutzen 33 Prozent die Zeit im Zug oder Flugzeug zum Arbeiten, mit 35 Prozent arbeiten etwas mehr Geschäftsreisende im Hotelzimmer. Vier von zehn geben an, unterwegs ständig erreichbar zu sein. Aber eine knappe Mehrheit von 53 Prozent besteht darauf, das Smartphone während der Reisezeit auch mal wegzulegen und „medienfrei“ zu haben.

          Wenn sie nicht zum Arbeiten kommen, liegt das aus Sicht der Reisenden vor allem an organisatorischen Hürden. 42 Prozent beklagen, dass Wartezeiten am Flughafen Produktivitätsfresser seien. Wenn Fliegen angenehmer wäre, würden sie unterwegs mehr schaffen, sagen die Reisenden. Freie Tage nutzen indes nur wenige Geschäftsleute gern, um ihren Arbeitstrip stressfreier zu gestalten. Äußerst unbeliebt bleibt unter Angestellten die Anreise am Sonntagabend, um am Montag ausgeschlafen in eine Besprechung zu gehen. Das Hotelportal HRS beobachtete in seinen Buchungsdaten: Jeder Vierte checkt am Montag ein, das sind so viele wie an keinem anderen Wochentag. Am Sonntagabend kommt dagegen nur jeder 15. an.

          Weil niemand so recht weiß, wer unterwegs wie viel schafft, trieb das aktuelle Urteil so manchem Buchhalter Schweißperlen auf die Stirn. Viele Unternehmen, vor allem aus den exportorientierten Branchen wie Maschinen- und Anlagenbau, Pharma-, Chemie- und Autoindustrie, fürchteten eine Kostenexplosion. Manche sorgten sich gar, dass auch allen Unternehmen, die Mitarbeiter im Inland auf Dienstreise schicken, eine neue Pflicht drohen könnte, die Reisezeit wie Arbeitszeit zu vergüten. Zumindest Letzteres ist äußerst unwahrscheinlich: Auch wenn die schriftliche Urteilsbegründung noch nicht vorliegt, hat das Gericht im Zusammenhang mit seiner Entscheidung immer nur von Auslandsreisen gesprochen.

          Trotzdem zeigten sich unmittelbar nach der Verkündung der Entscheidung im Oktober Verbände besorgt. Es ist immerhin denkbar, dass nun viele Mitarbeiter im Außendienst oder mit regelmäßigen Arbeitseinsätzen im Ausland ebenfalls vor Gericht mehr Geld fordern. Christoph Garnier, Präsidiumsmitglied des Geschäftsreiseverbands, sagt, zwar seien die konkreten Auswirkungen des Urteils noch unklar. Er sieht aber neben den höheren Kosten auch aufwendigere Planungs- und Vergütungsprozesse auf die Unternehmen zukommen. „Statt einer Vereinfachung wird hier abermals mehr Komplexität geschaffen“, sagt Garnier, der hauptberuflich die Geschäftsreisen beim Chemie- und Pharmakonzern Merck koordiniert.

          Arbeits- und Freizeit verschmelzen

          Allerdings glauben Juristen, dass eine Bindungswirkung des Urteils auf ähnliche Fälle nicht sehr weitreichend sein dürfte. Von einem Sonderfall spricht etwa Sebastian Maiß, Partner in der auf Arbeitsrecht spezialisierten Kanzlei Vangard. „Das Gericht hat sich nur mit einem Vergütungsanspruch aus einem tarifvertraglichen Anspruch beschäftigt. Um die Frage, wie lange Mitarbeiter auf Dienstreisen im Ausland am Stück arbeiten dürfen, ging es in dem Fall gerade nicht. Ebenso wenig hat das Bundesarbeitsgericht entschieden, dass Dienstreisen außerhalb der Arbeitszeit des Arbeitnehmers generell zu vergüten sind.“

          Die wirklich brisante Frage, inwieweit Chefs in die Freizeit von Mitarbeitern eingreifen dürfen, insbesondere wie lange Geschäftsreisende am Stück arbeiten, hatten die Erfurter Richter also gar nicht zu klären. Das Arbeitszeitgesetz sieht elf Stunden Ruhezeit nach Dienstschluss vor – eine Norm, die durch das Abrufen von Mails, das Bearbeiten von Unterlagen und die damit faktische ständige Erreichbarkeit ohnehin schon ausgehebelt wird. Auch ganz ohne Dienstreise. Dieser Zielkonflikt der modernen Arbeitswelt hat schon mehrere Unternehmen veranlasst, ihren Mitarbeitern das Abrufen dienstlicher Nachrichten am Feierabend und Wochenende zu untersagen, einige Konzerne sperren sogar die Übermittlung von Mails während dieser Zeiträume. Eine von Geschäftsführern wie Betriebsräten gleichermaßen heißersehnte Klärung durch das Bundesarbeitsgericht kam dieses Jahr nicht zustande, weil sich die Streitparteien in einem Pilotfall außergerichtlich einigten.

          Was folgt daraus für Lohnansprüche von Angestellten, die im Zug tippen oder sich in Flughafenlounges für Telefonkonferenzen bereithalten? Mitarbeiter müssen Vorgaben für das „Arbeiten auf einer Geschäftsreise“ haben, weiß Arbeitsrechtler Maiß aus seiner Praxis. Der Anwalt, der überwiegend Unternehmen begleitet, rät Mandanten zum Aufstellen von klaren Regeln für Dienstreisen. Aus diesen soll transparent und verständlich hervorgehen, dass Mitarbeiter etwa die Wahl ihres Fortbewegungsmittels frei treffen können – oder dass jede Tätigkeit während der Reisezeit untersagt ist. „Damit stellt sich die Frage nicht mehr, ob ein Mitarbeiter für die Reisezeit einen Vergütungsanspruch hat“, erklärt Maiß. Übereifrige Angestellte müssen in diese Fällen jegliche Hoffnung auf eine Vergütung begraben.

          In vielen Arbeitsverträgen findet sich eine Klausel, wonach „jede Reisetätigkeit mit der Bruttovergütung abgegolten ist“. Das jedoch hinterlässt Fragen beim Mitarbeiter: Was kann der Chef erwarten? Ab wann lasse ich mich ausbeuten? Eine Pauschalabgeltung von Dienstreisen sei nur dann wirksam, wenn sich aus ihr ergibt, in welchem Umfang welche Reisetätigkeit erfasst wird, sagt Maiß. „Ein Arbeitnehmer muss schließlich wissen, was auf ihn zukommt und welche Leistung er für die vereinbarte Vergütung maximal erbringen muss.“

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