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Führung : „Halt doch endlich mal dein Maul!“

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Allen Führungskräfte-Trainings zum Trotz: Viele Vorgesetzte haben einen Hang zu Wutausbrüchen. Betroffene Mitarbeiter sollten die Zornestiraden nicht persönlich nehmen. Was hilft, ist Humor, Gelassenheit - und Schokolade.

          Und wie vom Teufel besessen, holte er aus und warf das Tintenfass an die Wand seines Arbeitszimmers ... An der Wartburg prangt bis heute ein Fleck, der dem Reformator Martin Luther und seiner Neigung zum Jähzorn zugeschrieben wird. Die Herkunft des Wandflecks ist umstritten. Von zerbrochenen Bürotassen, zertretenen Handys und vom Schreibtisch gefegten Monitoren kann dafür fast jeder im Laufe seiner Karriere berichten.

          Wenn Wutausbrüche öffentlich stattfinden, sorgen sie bei Außenstehenden für Erheiterung, hohe Einschaltquoten und enorme Klickraten im Internet. So wurde beispielsweise der Zornesausbruch des spanischen Königs Juan Carlos gegenüber dem venezolanischen Präsidenten Hugo Chavéz beim Iberoamerikanischen Gipfel in Chile („Warum hältst du nicht den Mund?“) als Handy-Klingelton in Spanien zum Hit und mehr als 500 000 Mal auf YouTube angeschaut. Wer allerdings im Alltag mit Tobsuchtsanfällen von Vorgesetzten oder Kollegen zu kämpfen hat, ist darüber in der Regel wenig amüsiert.

          Eine Zeitlang tolerant

          Heike Mettmann hatte hohe Erwartungen, als sie ihren Job als Projektassistentin in einer Stiftung anfing. Eine Zeitlang tolerierte sie deshalb das aggressive Auftreten ihrer Chefin. In Stressphasen liegen die Nerven eben blank, dachte sie. Als der Druck zunahm, die Beschimpfungen persönlich wurden, hatte Mettmann bereits mehrere Arzttermine hinter sich. „Ich habe seit Jahren Neurodermitis, aber in diesen Monaten wurde es unerträglich.“ Ins Büro ging sie nur noch mit gesenktem Kopf. „Augen zu und durch – so habe ich mich durch die Woche geschlagen. Mein Selbstvertrauen war komplett am Boden. Das Absurde ist, dass ich mich nicht geschlagen geben wollte, ich habe bis zuletzt gehofft, dass es besser wird – dass ich die Situation verbessern kann.“ An den Wochenenden päppelten Freunde und Familie sie wieder auf. Eine Kollegin riet ihr schließlich, einen Coach aufzusuchen.

          „Wenn die Betroffenen zu mir kommen, ist in der Regel schon viel angebrannt“, sagt Claudia König. Die Kommunikations- und Erziehungswissenschaftlerin arbeitet seit zehn Jahren als Coach. „Die meisten versuchen, zunächst die Dinge selbst in den Griff zu kriegen“, sagt König. Viele holen Einschätzungen von Freunden und Familie ein, weil sie der eigenen Wahrnehmung nicht mehr trauen. „Sie fragen sich: Bin ich jetzt bescheuert, oder er?“ Erst wenn es nicht mehr auszuhalten ist, suchten sie Rat und Verstärkung.

          „Man erwartet das einfach nicht in dieser Heftigkeit“, sagt Bernd Cornelsen, Mitarbeiter eines Automobilkonzerns. „Am Anfang sucht man noch nach Gründen, nach dem Sinn hinter den Ausbrüchen, man fragt sich: Was mache ich falsch? Und natürlich macht man dann eher Fehler. Das ist ein absurder Teufelskreis.“ Spätestens als sein Vorgesetzter sich bei einem Faustschlag auf den Schreibtisch einen Knöchel brach, war klar, wer das Problem hatte. In der Fachwelt wird die fehlende Impulskontrolle als „Störung mit intermittierend auftretender Reizbarkeit“ beschrieben.

          Wenn der Verstand aussetzt

          Wenn der Verstand aussetzt, hilft nur Gelassenheit, Humor und Schokolade – beispielhaft vorgeführt von Werner Herzog bei den Dreharbeiten zu „Fitzcarraldo“ mit Klaus Kinski: Während eines Tobsuchtsanfalls des Schauspielers kehrt der Regisseur sich seelenruhig von dem zeternden Kinski ab, holt aus den kargen Vorräten des Filmteams das letzte Stück Schokolade und isst es vor den Augen des fassungslosen Kinski, der daraufhin verstummt und geht. Die Szene gehört zu den Glanzstücken des Dokumentarfilms „Mein liebster Feind“ über die Zusammenarbeit der beiden Künstler.

          „Choleriker sind relativ gut einschätzbar“, sagt Coach Claudia König. „Es gibt plötzlich auftretende aggressive Gefühlsausbrüche, die relativ schnell wieder abkühlen. Man kann lernen, mit diesem Verhalten umzugehen.“ Es gehe im besten Sinne darum, die Luft anzuhalten, abzuwarten. „Egal, was man sagt, man liefert nur neue Munition.“ Anstelle der üblichen Abwehrreaktionen – besänftigen, argumentieren, zurückbrüllen – sei es effektiver, den Hörer aufzulegen oder den Raum zu verlassen. „Nach wenigen Minuten hören die Schimpftiraden in der Regel von alleine auf.“

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