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Gescheiterte Vorstandsfrauen : Wurden sie in die Falle gelockt?

Regine Stachelhaus war von 2010 bis 2013 Personalvorstand bei Eon. Sie gab ihr Amt aus persönlichen Gründen auf. Bild: Reuters

Die Dax-Konzerne überbieten sich im Wettlauf um Spitzenfrauen. Doch so schnell wie sie auftauchen, verschwinden sie auch wieder: Männer halten sich doppelt solange im Vorstand, wie Frauen. Warum nur?

          Das Wort vom „Kulturwandel“ bemühen Politiker für gewöhnlich, wenn etwas besonders verfahren ist. Nun hat Familienministerin Manuela Schwesig Alarm geschlagen: Die angestrebte Frauenquote allein könne es nicht richten, es müsse vielmehr dringend ein „Kulturwandel“ in der Arbeitswelt her, damit die Frauen sich endlich durchsetzten. Was ist nur los mit der weiblichen Elite? Noch nie wurden so viele Frauen in Spitzenpositionen berufen wie in den vergangenen vier Jahren. Die Dax-Konzerne überbieten sich geradezu im Wettlauf um die Superfrauen, keiner will ohne Rock im Vorstand dastehen. Kamen die 30 Dax-Konzerne im Jahr 2010 auf nur drei Frauen, so waren es plötzlich fünfmal so viel. Jüngster Neuzugang ist Janina Kugel, seit Anfang Februar Personalvorstand von Siemens. 

          Bettina Weiguny

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch so schnell wie die Frauen auftauchen, verschwinden sie auch wieder. Die Zahlen sprechen für sich: Von 17 weiblichen Dax-Vorständen sind acht nach nicht einmal der Hälfte der Amtszeit gegangen. Im Schnitt gilt: Während Frauen nach knapp drei Jahren abtreten, halten sich Männer ganze acht Jahre in Amt und Würden. Warum nur scheitern die Frauen reihenweise in den Dax-Konzernen? Über die Gründe wird heftig gestritten. Für die einen belegen die Abgänge ihre These, die da lautet: Frauen haben andere Prioritäten, ihnen ist weniger an Macht und Karriere gelegen als Männern, im Zweifel steigen sie also einfach aus, wenn es ihnen zu blöd oder kräftezehrend wird. Fazit: Man wird sie nicht nach oben zwingen, auch nicht mit gesetzlich verankerter Quote.

          Grundverkehrt, echauffiert sich dagegen ein wachsendes Heer von Genderexperten, Gleichstellungsbeauftragten und ambitionierten Frauen auf dem Weg nach oben. Die mutmaßen, dass Frauen in der Wirtschaft weiterhin diskriminiert, untergebuttert und ausgebootet werden, weil die Männer mit allen Mitteln ihre Pfründen sichern wollen. Dieses Lager erhält nun lautstark Rückendeckung von einem Mann, einem ehemaligen Topmanager zudem: Die Frauen würden gezielt in die Falle gelockt, poltert der frühere Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, zu aktiven Zeiten so etwas wie der oberster Frauenförderer der Republik.

          Nichts ist schlimmer, als ein Frauenbremser zu sein

          Heute rühmt sich der 65-Jährige, die Quote quasi erfunden zu haben. Der Telekom verordnete er im Jahr 2010 eine Quote in Führungspositionen von 30 Prozent, zu erreichen bis 2015. In anderen Chefetagen schüttelte man da noch den Kopf, nicht nur außerhalb der Telekom ist er dafür angegriffen worden. Auch intern habe er erbitterte Widersacher gehabt. „Junge Männer mit hochrotem Gesicht schnauzten mich an, ich verdürbe ihnen die Karrierechancen“, schreibt Sattelberger jetzt in seiner Autobiographie „Ich halte nicht die Klappe“ (Murmann-Verlag). Diese Männerriege sieht Sattelberger heute immer noch am Werk: Man habe die Frauen systematisch auflaufen lassen, um die Quote auszuhebeln und dauerhaft unter sich bleiben zu können. Das Scheitern der Spitzenfrauen passe da „voll ins Konzept“.

          Für die provokante These spricht, dass für die meisten Vorstandsposten Frauen von außerhalb des Konzerns gewählt wurden, sie somit kein Netzwerk im Unternehmen hatten, auf das sie hätten bauen können. Quereinsteiger haben es immer schwer, Frauen wie Männer, darin sind sich alle einig. Wenn man also so viele Frauen von außen holt, muss es zwangsläufig ein schlechtes Ende mit ihnen nehmen. Das hat man gezielt in Kauf genommen, so die Sattelberger-Fraktion. Wenn nicht gar geplant. Von derartigen Intrigen will die Wirtschaft nichts wissen.

          Der Frauenschwund sei allein der Not geschuldet, erläutert ein Dax-Aufsichtsrat, der sich auf gar keinen Fall zitieren lassen will. Nichts sei derzeit schlimmer, als in den Ruf eines Frauenbremsers zu geraten. „Viel zu schnell mussten Frauen gefunden werden, weil der gesellschaftliche Druck so hoch ist.“ So oder ähnlich argumentieren alle Führungskräfte: Um etwas vorweisen zu können, wurden ungeeignete Frauen auf die Chefsessel bugsiert, zum Teil sogar „Orchideen-Ressorts“ extra für sie geschaffen. Das sei kein böses Kalkül gewesen, sondern „reine Panik“, meint ein Vorstand. Die Frauen seien dann mit der Situation überfordert. „Das Frauenthema hat völlig irrationale Züge angenommen.“ Auch dieser Star-Manager will keinesfalls seinen Namen in der Zeitung lesen („Soll ich mich als Macho beschimpfen lassen?“).

          Frauen müssen die Drecksarbeit machen

          Für die Verfechter der Frauensache sind das die abgehalfterten Argumente der Besitzstandbewahrer. Die Frauen hätten fachlich alle hervorragend gearbeitet, argumentieren Leute wie Sattelberger. Was ihnen gefehlt habe, sei eine frauenfreundliche Gesamtkultur und speziell der Rückhalt im - ansonsten männlichen - Vorstand oder Aufsichtsrat. Als Opfer einer reinen Symbolpolitik einer „abgeschotteten Männerkaste“ nennt er namentlich: Regine Stachelhaus (Eon), Angelika Dammann und Luisa Deplazes Delgado (beide SAP), Brigitte Ederer und Barbara Kux (Siemens), Marion Schick (Telekom), Angela Titzrath (Deutsche Post) und Elke Strathmann (Continental). Nur bei Marion Schick, seiner Nachfolgerin in der Telekom, deutet er an, dass fachliche Gründe eine Rolle für das jähe Aus gespielt haben könnten.

          In der Tat sind das ungewöhnlich viele Abgänge. In dieser Häufung könne individuelles Verschulden der Frauen gar nicht der Grund für ihr Ausscheiden sein, glaubt Sattelberger. Dahinter stecke vielmehr System: Man holt ein Fremdgewächs in den Vorstand und lässt die Frau entweder gar nichts machen oder aber die Drecksarbeit erledigen - zum Beispiel wenn ein Stellenabbau im großen Stil ansteht. Eckt sie dabei an oder gerät auch nur leicht ins Straucheln, serviert man sie schnurstracks ab. Die bösen Buben verfolgen mit den Berufungen der Frauen laut Sattelberger ein politisches Kalkül, um die Quote zu verhindern.

          Jeder Abgang diene „einigen Chefs als Beweis dafür, dass die Quote Quatsch ist“. Denn das Scheitern beweise, dass eine feste Quote beim besten Willen nicht zu erfüllen sei, wenn die Frauen ständig abhauten, einfach hinschmissen. Nun wird die Quote kommen, daran besteht kaum ein Zweifel. Aber die Männer haben eines erreicht: Die Quote fällt sanfter aus als befürchtet, das Schlimmste aus Sicht der Vorstände konnte abgewendet werden: eine feste Quote für Führungskräfte. Die Frauen werden vielmehr abgespeist mit Posten im Aufsichtsrat, im operativen Management toben sich weiterhin die Männer aus. „In einem unausgesprochenen, aber konkludenten Verhalten haben eine ganze Reihe von Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsvorsitzenden gesagt: ,Das Thema Frauenquote exekutieren wir auf die Weise“, heißt es in Sattelbergers Biographie, „damit wir vor dieser Zumutung ein für alle Mal Ruhe haben.‘“

          „Für wie blöd muss man Männer halten?“

          Sind es also immer noch die bösen Männer? Die gezielt Frauen opfern, um ihre Macht zu sichern? Längst nicht jeder glaubt an eine derartige Verschwörung in Deutschland im Jahr 2015. „Für wie blöd muss man Männer halten, dass sie Frauen einstellen, nur um sie scheitern zu sehen?“, fragt beispielsweise Dieter Rickert, ein Altmeister unter den Headhuntern. In 40 Jahren sei es bei ihm nur ein einziges Mal vorgekommen, dass jemand gezielt keine Frau als Manager habe haben wollen. Sattelberger sei vielmehr eine „narzisstische Quasselstrippe“, der in der Frauenförderung sein Talkshow-Thema gefunden habe. Der Wandel brauche einfach seine Zeit, bis Frauen in ausreichender Zahl von unten nachrückten.

          Und was sagen die geschassten Frauen selbst? Sie scheuen sich bisher, sich groß zu dem Thema zu äußern. Die meisten scheinen mit dem Abenteuer Vorstand abgeschlossen zu haben. Sie tauchen, wenn überhaupt, hier und da als Aufsichtsrätinnen auf. Nur so viel ist klar: Ein persönliches Versagen bescheinigt sich keine, von einer Verschwörung der Männer spricht auch keine. Wohl aber von einer dominanten Männerkultur: Frauen seien nach wie vor „Außenseiter“ (Strathmann), sie würden immer noch ausgebremst, nur nicht offen wie früher, sondern „subtiler“ (Stachelhaus) und blieben unverstanden: „Wenn ein Mann klare Kante zeigt, ist er ein Entscheider, wenn eine Frau durchgreift, ist sie zickig.“

          Da kommt wieder die Unternehmenskultur ins Spiel, die sich laut Ministerin Schwesig dringend ändern muss, damit alles gut wird. Sonst bleiben Frauen im Top-Management ein kultureller Fremdkörper, prophezeit Sattelberger, wie „ein Weihnachtsengel an der Spitze des Christbaums“. Es sei denn, die Frauen lernen zuvor das Spiel der bösen Buben. Damit ist zu rechnen. „Neuerdings kommen Frauen hoch, die kämpfen so ehrgeizig um ihre Posten wie die Männer, die nehmen für die Karriere alles in Kauf - so wie ich in jungen Jahren“, berichtet ein Dax-Vorstand. „Das sind Machtmaschinen.“ Aus seinem Mund klingt das wie ein Lob.

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