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Gescheiterte Vorstandsfrauen : Wurden sie in die Falle gelockt?

Frauen müssen die Drecksarbeit machen

Für die Verfechter der Frauensache sind das die abgehalfterten Argumente der Besitzstandbewahrer. Die Frauen hätten fachlich alle hervorragend gearbeitet, argumentieren Leute wie Sattelberger. Was ihnen gefehlt habe, sei eine frauenfreundliche Gesamtkultur und speziell der Rückhalt im - ansonsten männlichen - Vorstand oder Aufsichtsrat. Als Opfer einer reinen Symbolpolitik einer „abgeschotteten Männerkaste“ nennt er namentlich: Regine Stachelhaus (Eon), Angelika Dammann und Luisa Deplazes Delgado (beide SAP), Brigitte Ederer und Barbara Kux (Siemens), Marion Schick (Telekom), Angela Titzrath (Deutsche Post) und Elke Strathmann (Continental). Nur bei Marion Schick, seiner Nachfolgerin in der Telekom, deutet er an, dass fachliche Gründe eine Rolle für das jähe Aus gespielt haben könnten.

In der Tat sind das ungewöhnlich viele Abgänge. In dieser Häufung könne individuelles Verschulden der Frauen gar nicht der Grund für ihr Ausscheiden sein, glaubt Sattelberger. Dahinter stecke vielmehr System: Man holt ein Fremdgewächs in den Vorstand und lässt die Frau entweder gar nichts machen oder aber die Drecksarbeit erledigen - zum Beispiel wenn ein Stellenabbau im großen Stil ansteht. Eckt sie dabei an oder gerät auch nur leicht ins Straucheln, serviert man sie schnurstracks ab. Die bösen Buben verfolgen mit den Berufungen der Frauen laut Sattelberger ein politisches Kalkül, um die Quote zu verhindern.

Jeder Abgang diene „einigen Chefs als Beweis dafür, dass die Quote Quatsch ist“. Denn das Scheitern beweise, dass eine feste Quote beim besten Willen nicht zu erfüllen sei, wenn die Frauen ständig abhauten, einfach hinschmissen. Nun wird die Quote kommen, daran besteht kaum ein Zweifel. Aber die Männer haben eines erreicht: Die Quote fällt sanfter aus als befürchtet, das Schlimmste aus Sicht der Vorstände konnte abgewendet werden: eine feste Quote für Führungskräfte. Die Frauen werden vielmehr abgespeist mit Posten im Aufsichtsrat, im operativen Management toben sich weiterhin die Männer aus. „In einem unausgesprochenen, aber konkludenten Verhalten haben eine ganze Reihe von Vorstandsvorsitzenden und Aufsichtsratsvorsitzenden gesagt: ,Das Thema Frauenquote exekutieren wir auf die Weise“, heißt es in Sattelbergers Biographie, „damit wir vor dieser Zumutung ein für alle Mal Ruhe haben.‘“

„Für wie blöd muss man Männer halten?“

Sind es also immer noch die bösen Männer? Die gezielt Frauen opfern, um ihre Macht zu sichern? Längst nicht jeder glaubt an eine derartige Verschwörung in Deutschland im Jahr 2015. „Für wie blöd muss man Männer halten, dass sie Frauen einstellen, nur um sie scheitern zu sehen?“, fragt beispielsweise Dieter Rickert, ein Altmeister unter den Headhuntern. In 40 Jahren sei es bei ihm nur ein einziges Mal vorgekommen, dass jemand gezielt keine Frau als Manager habe haben wollen. Sattelberger sei vielmehr eine „narzisstische Quasselstrippe“, der in der Frauenförderung sein Talkshow-Thema gefunden habe. Der Wandel brauche einfach seine Zeit, bis Frauen in ausreichender Zahl von unten nachrückten.

Und was sagen die geschassten Frauen selbst? Sie scheuen sich bisher, sich groß zu dem Thema zu äußern. Die meisten scheinen mit dem Abenteuer Vorstand abgeschlossen zu haben. Sie tauchen, wenn überhaupt, hier und da als Aufsichtsrätinnen auf. Nur so viel ist klar: Ein persönliches Versagen bescheinigt sich keine, von einer Verschwörung der Männer spricht auch keine. Wohl aber von einer dominanten Männerkultur: Frauen seien nach wie vor „Außenseiter“ (Strathmann), sie würden immer noch ausgebremst, nur nicht offen wie früher, sondern „subtiler“ (Stachelhaus) und blieben unverstanden: „Wenn ein Mann klare Kante zeigt, ist er ein Entscheider, wenn eine Frau durchgreift, ist sie zickig.“

Da kommt wieder die Unternehmenskultur ins Spiel, die sich laut Ministerin Schwesig dringend ändern muss, damit alles gut wird. Sonst bleiben Frauen im Top-Management ein kultureller Fremdkörper, prophezeit Sattelberger, wie „ein Weihnachtsengel an der Spitze des Christbaums“. Es sei denn, die Frauen lernen zuvor das Spiel der bösen Buben. Damit ist zu rechnen. „Neuerdings kommen Frauen hoch, die kämpfen so ehrgeizig um ihre Posten wie die Männer, die nehmen für die Karriere alles in Kauf - so wie ich in jungen Jahren“, berichtet ein Dax-Vorstand. „Das sind Machtmaschinen.“ Aus seinem Mund klingt das wie ein Lob.

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