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Lernen wie und wo man will : Karriere per Onlinekurs

  • -Aktualisiert am

Jederzeit und überall: Onlinekurse versprechen komplett flexibles Lernen. Bild: Picture-Alliance

Flexibles Lernen im Internet – das war mal für Studenten gedacht. Doch die Onlinekurse sind auch für Unternehmen und Arbeitnehmer attraktiv.

          Nach seiner Zeit als Entwickler bei der Bundeswehr wollte sich Daniel Paulus beruflich noch mal neu orientieren. Das Geld, das von der Bundeswehr zur Berufsvorbereitung zur Verfügung gestellt wurde, setzte er nicht für eine klassische Weiterbildung ein, sondern machte bei dem Online-Anbieter Udacity einen sogenannten Nanodegree als Machine Learning Engineer.

          Ungefähr drei Monate lang verbrachte er jede Woche zehn Stunden damit, sich Lernvideos anzuschauen und an eigenen Programmierprojekten zu arbeiten: „Ich bin ein praktischer Mensch, das hat mir sehr gut gefallen“, sagt er. Genützt hat es ihm auch etwas: Nach dem Kurs schaffte er den Einstieg bei dem amerikanischen Unternehmen Sauce Labs.

          Kurse wie den von Paulus nennt man „Massive Open Online Courses“, kurz: MOOCs. Vor etwa zehn Jahren starteten die ersten vor allem im universitären Bereich. Die Idee dahinter war, Bildung überall auf der Welt zugänglich zu machen, oftmals kostenlos. Heute hat sich das Angebot diversifiziert. Es gibt MOOCs für Berufstätige und für Studierende, kurz oder lang. Viele der Kurse sind inzwischen kostenpflichtig. Obwohl das Angebot riesig ist, geht es vor allem um Digitales und um Innovationsthemen.

          Wissen kompakt in wenigen Tagen vermitteln

          „Inzwischen sind MOOCs zur beruflichen Weiterbildung und Kompetenzentwicklung relativ etabliert“, sagt Jochen Robes, Berater und Dozent an der Hochschule Darmstadt, der sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. Als die MOOCs zum ersten Mal auftauchten, habe es einen Hype gegeben. Alle hätten sich überall eingeschrieben – die meisten die Kurse dann aber nicht beendet. Heute habe sich das gelegt, die Abbrecherquoten seien niedriger – unter anderem, weil viele Kurse kostenpflichtig seien. Auch für Unternehmen werden MOOCs als Weiterbildungsprogramme immer wichtiger. Denn die Berufswelt hat sich verändert.

          „Manche Themen, die Mitarbeiter vor zehn oder 15 Jahren im Studium gelernt haben, sind einfach überholt“, sagt Friedrich Schweizer. Er ist Softwareentwickler bei BMW und profitiert von einem MOOC zum Thema selbstfahrendes Auto. Auch er hat ein Nanodegree von Udacity, einer der größeren Plattformen mit mehr als 10 Millionen Lernenden, gemacht. „Ich hatte ursprünglich Luft- und Raumfahrttechnik studiert“, sagt Schweizer. „Mein Studium war sehr hardware-lastig, bei BMW spielte dann Software eine viel größere Rolle.“ Der Online-Kurs half ihm, diese Lücke zu schließen.

          Auch bei Audi haben Mitarbeiter die Möglichkeit, sich mit Online-Kursen weiterzubilden. „Bei unseren Präsenztrainings wird das Wissen kompakt in wenigen Tagen vermittelt – gleichzeitig wollen immer mehr bei uns über mehrere Monate hinweg kontinuierlich und online lernen“, sagt Malte Sommer. Zusammen mit Vandana Zitterell ist er verantwortlich für Kompetenzentwicklung in Big Data und Künstlicher Intelligenz bei Audi.

          830.000 registrierte Nutzer

          Online-Kurse erlaubten den Teilnehmern, Zeit, Ort und Geschwindigkeit des Lernens selbst zu bestimmen und das Gelernte danach direkt anzuwenden. „Uns überzeugt, dass die Kurse den Teilnehmern Spaß machen, praxisnah sind und mit aktuellen Daten arbeiten“, sagt Zitterell. Der nächste Schritt sei es nun, Online-Kurse in die Weiterbildungslandschaft des Unternehmens einzubinden und die Qualität der Inhalte zu sichern.

          Unternehmen wie SAP nutzen MOOCs auch, um die eigene Software zu erklären und zu vermarkten. Dafür hat das Unternehmen 2013 eine eigene MOOC-Plattform gegründet. Auf die Idee kam Clemens Link, der zuvor selbst einen MOOC gemacht hatte. Besonders gefallen hat ihm die Idee, dass jeder mittels Internetanschluss gemeinsam mit anderen lernen kann.

          180 Kurse hat SAP in dem Format schon angeboten, alle kostenfrei. 830.000 Nutzer sind registriert, etwa jeder Vierte, der sich einschreibt, beendet die Kurse auch. Drei Monate dauert es ungefähr von der Idee bis zum fertigen Kurs, ein Team von 20 Mitarbeitern arbeitet daran. Immer wieder tauchten Zertifikate der SAP-Kurse auch in Jobbeschreibungen anderer Unternehmen auf – das zeige, dass sie ernst genommen werden.

          „Jeder hat seine eigene Vorliebe fürs Lernen“

          Laut Berater Jochen Robes werden viele Anbieter, die nicht aus dem MOOC-Umfeld heraus entstanden sind, in Deutschland immer wichtiger. Einer davon ist „Linkedin Learning“. Mehr als die Hälfte der Dax-Unternehmen lasse ihre Mitarbeiter damit lernen, heißt es dort. Aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen nutzten das Angebot. Online-Kurse bieten alles in allem ein breites Spektrum an Weiterbildung für beinahe jeden Geschmack. Ihr großer Vorteil, die Flexibilität, ist aber auch einer der größten Nachteile:

          Man braucht viel Durchhaltevermögen und Eigeninitiative, um bis zum Ende dranzubleiben. Den Unternehmen ist das bewusst. „Jeder hat seine eigene Vorliebe fürs Lernen“, sagt zum Beispiel Vandana Zitterell von Audi. „Die einen lernen lieber in der Gruppe und im klassischen Präsenztraining, die anderen lieber selbständig und online.“ MOOCs sind also kein Muss – aber womöglich eine sinnvolle Ergänzung.

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