https://www.faz.net/-gyl-vx3s

Flexible Arbeitszeit : Tausche Geld gegen Freizeit

Sparen in jungen Jahren macht sich bezahlt Bild: fotolia.com

Auf einem Zeitwertkonto können Arbeitnehmer Gehalt und Überstunden für den vorzeitigen Ruhestand zurücklegen. Auch für Arbeitgeber lohnen sich die Job-Sparbücher. Doch das Modell hat seine Tücken.

          Die Beschäftigten der Deutschen Bank müssen sich vor der Rente mit 67 nicht fürchten. Sie können auf ihren persönlichen Vorruhestand hin sparen. Eifrig sammeln sie Überstunden, nicht genommene Urlaubstage und Boni auf einem virtuellen Konto, um sie später in Freizeit umzuwandeln. "Das Modell kommt an", sagt Gabriele Buchs, Leiterin der Abteilung Vergütung und freiwillige Leistungen des Kreditinstituts. 4000 der 27.500 Mitarbeiter hierzulande sind bislang dabei, 100 haben in den sechs Jahren seit dem Start des Projekts schon ihr Konto angezapft - sei es für den vorzeitigen Abschied aus dem Arbeitsleben oder für einen längeren Urlaub.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Es sind vor allem Großunternehmen wie die Deutsche Bank, Volkswagen und die Telekom, die ihren Mitarbeitern solche Zeitwertkonten anbieten. Als die rechtliche Grundlage dafür 1998 eingeführt wurde, sahen viele Konzerne vor allem den Vorteil, die Beschäftigten flexibler einsetzen zu können. In Zeiten des Fachkräftemangels rückt ein anderes Ziel in den Vordergrund: Die Aussicht auf eine längere Auszeit soll die Mitarbeiter bei Laune halten. Im Mittelstand hat sich das Konzept bislang kaum herumgesprochen. Zu kompliziert, zu aufwendig, zu teuer, stöhnen vielerorts die Personalabteilungen. "Insgesamt haben erst weniger als 5 Prozent der Unternehmen Zeitwertkonten eingeführt", schätzt Michael Bursee, Vergütungsexperte bei Kienbaum Management Consultants.

          Mehr Klarheit in ein kompliziertes Regelwerk

          Doch schon bald könnten es mehr werden. Eine Gesetzesänderung soll mehr Klarheit in das komplizierte Regelwerk bringen. Dafür wird es auch höchste Zeit. Denn hinter den Zeitwertkonten steckt eine gute Idee. Während der Mitarbeiter bei einem klassischen Arbeitszeitkonto lediglich Überstunden sammelt, um diese innerhalb der nächsten Wochen oder Monate wieder abzufeiern, geht das Zeitwertkonto einen Schritt weiter: Es funktioniert wie ein Sparbuch für das gesamte Berufsleben. Darauf lassen sich Überstunden, Urlaubstage, Sonderzahlungen, Prämien für betriebliche Verbesserungsvorschläge sowie Teile des normalen Gehalts zurücklegen. Der Arbeitgeber legt das Geld an und zahlt es später in Form von Freizeit wieder aus.

          Wie bei einem Sparbuch führen die meisten Unternehmen die Konten in Euro. Das bedeutet: Wenn der Mitarbeiter Arbeitszeit "einzahlt", wird diese in Geld umgerechnet. "Eine Überstunde geht zum jeweils aktuellen Brutto-Stundenlohn auf das Zeitwertkonto ein", erklärt Bursee. Wenn später das Euro-Guthaben in freie Zeit umgerechnet wird, ist der zuletzt gezahlte Stundenlohn entscheidend. Dieser liegt in der Regel höher als in jungen Jahren. Eine Stunde Freizeit im Alter kostet also mehr, als der Mitarbeiter heute mit einer Überstunde zurücklegt.

          Nicht nur im Hinblick auf den vorgezogenen Ruhestand lohnen sich die Zeitwertkonten. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Einzahlungen abgabenfrei auf das Sparkonto fließen. Auf der monatlichen Gehaltsabrechnung tauchen sie nicht auf, Steuern und Sozialabgaben werden erst fällig, wenn der Mitarbeiter die bezahlte Auszeit nimmt. "Bis dahin erwirtschaftet das Geld Zinsen", sagt Bernd Klemm, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Lovells.

          Viele zögern trotz der Pluspunkte

          Trotz dieser Pluspunkte zögern viele Personalverantwortliche und Arbeitnehmer, Zeitwertkonten zu nutzen. Die Job-Sparbücher haben nämlich auch ihre Tücken. Was passiert, wenn ein Mitarbeiter das Unternehmen verlässt? "Theoretisch lässt sich das gesammelte Vermögen von einem Unternehmen zum anderen übertragen", sagt Klemm. Doch das klappt nur dann, wenn auch der neue Arbeitgeber ein entsprechendes Zeitwertkontenmodell anbietet. Und das ist in der Praxis eher selten. Dann tritt das ein, was Juristen einen Störfall nennen: "Der Arbeitgeber zahlt das Geld auf einen Schlag aus", so Klemm. Damit lösen sich nicht nur die Träume von ausgedehnten Fernreisen oder Wickelfreizeiten in Luft auf. Auch mit dem Spareffekt ist es vorbei, Finanzamt und Sozialkassen wollen Geld sehen.

          Ärger kann es auch bei der Frage geben, wann sich ein Mitarbeiter wie lange aus dem Unternehmen verabschiedet. Schließlich jubeln die wenigsten Vorgesetzten, wenn die tragende Kraft der Abteilung ihren Ausstieg ankündigt, selbst wenn es nur für begrenzte Zeit ist. Um keine unliebsamen Überraschungen zu erleben, haben daher viele Unternehmen Vorlauf, Dauer und Zeitpunkt der Auszeiten reglementiert. Beim Softwarehersteller SAP müssen die Mitarbeiter ihren Freistellungswunsch zum Beispiel sechs Monate vorher ankündigen. Bei VW sind Auszeiten erst nach dem 55. Lebensjahr möglich. Das klingt in den Ohren vieler Mitarbeiter nicht mehr ganz so attraktiv.

          Und der Insolvenzschutz?

          Der größte Knackpunkt ist jedoch das Thema Insolvenzschutz. "Laut Sozialgesetzbuch ist der Arbeitgeber zwar verpflichtet, Zeitwertkonten ab einem bestimmten Betrag für den Fall einer Insolvenz abzusichern", erläutert Arbeitsrechtler Klemm. "Es drohen ihm aber derzeit keine Sanktionen, falls er es nicht macht." Wenn ein Unternehmen aus Kostengründen auf die Absicherung verzichtet und pleitegeht, ist ein langwieriger Rechtsstreit programmiert. Die Frage ist dann, ob die Verantwortlichen persönlich für die Verluste der Arbeitnehmer haften. "Bislang hat das Bundesarbeitsgericht dies meist verneint."

          Genau an diesem Punkt setzt der Gesetzentwurf des Bundesarbeitsministeriums an. "Der Insolvenzschutz wird deutlich ausgeweitet, die Haftungsregeln werden verschärft", sagt Steffen Raab, Geschäftsführer der Deutschen Zeitwert, einem Dienstleister, der vor allem mittelständische Unternehmen berät. Wann genau die Neuregelung kommt, ist noch offen. Spätestens Ende 2008 soll es laut Raab aber so weit sein. Dann dürften Zeitwertkonten für mehr Menschen attraktiver werden - und die Rente mit 67 an Schrecken verlieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Umtriebiger Minister: Jens Spahn

          Bundesgesundheitsminister : Jens Spahn demonstriert seine Macht

          Der Gesundheitsminister bringt am Mittwoch drei Gesetzentwürfe ins Kabinett ein – und will auf die Schnelle noch zwei Behörden fusionieren. Der CDU-Politiker demonstriert seine Macht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.