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Fehltritte im Arbeitsleben : Peinlicher geht’s nicht

Der Albtraum: Die Garderobe gerät zum Desaster und niemand sagt Bescheid. Bild: Vario Images

Den neuen Projektleiter für den Praktikanten gehalten? Über den Chef gelästert, der im Raum stand? Wie man mit peinlichen Patzern richtig umgeht.

          Zum Thema Peinlichkeiten kann jeder etwas beitragen. Das variiert dann je nach beruflichem Milieu in hüstelnden Geschichten darüber, beim Geschäftsessen das indische Englisch des Firmenkunden nicht dechiffrieren zu können oder in der Teambesprechung seinen Blähbauch nicht unter Kontrolle gehabt zu haben. Peinlichkeiten passieren. Und peinlich ist alles, was sozial unerwünscht ist - da gibt es eine hohe Übereinstimmung. Während aber sensible Naturen mit ihren signalrot gefärbten Wangen am liebsten im Boden versinken würden, lachen robustere Gemüter die Ausrutscher einfach weg.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          „Die große Schwester der Peinlichkeit ist die Scham. Und Scham braucht einen Zeugen, das hat immer etwas mit Gesehenwerden zu tun“, erklärt die Psychologin Stefanie Stahl. Es gehe um den spöttelnden, verächtlichen Blick der anderen - gleich, ob die wirklich so gucken. Das perfide: „Es gibt keinen Ausweg mehr, wenn die Situation eingetreten ist, es gibt keine Wiedergutmachung. Denn das Opfer ist man quasi selbst.“ Scham habe den lebensgeschichtlichen Sinn, Verhalten zu regulieren, sonst könnten wir uns nicht in der Gesellschaft anpassen. Man fühlt sich bloßgestellt und hat Schwäche zur Schau gestellt, sagt die Trierer Psychotherapeutin.

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          „Menschen mit einem niedrigen Selbstwertgefühl gehen ja schon aus dem Haus mit dem Gefühl: Ich bin ein Fehler. Diese Menschen schämen sich häufig, obgleich es keinen Anlass gibt. Das ist eher ein Grundlebensgefühl“, sagt Stefanie Stahl. Aber auch wer bemüht ist, stets nach außen eine perfekte Fassade von sich aufrechtzuerhalten, hat große Probleme mit solchen Situationen. Dem ist es unendlich viel peinlicher, negativ aufzufallen. „Dabei hat das Streben nach Perfektionismus dieser Fassadenmenschen immer etwas mit geringem Selbstwertgefühl zu tun“, betont die Fachbuchautorin.

          Am lockersten gehen selbstsichere Menschen mit Peinlichkeiten um. „Wer selbstsicher ist, der kann authentisch leben, der nimmt seine Schwächen an. Die coolste Reaktion besteht darin, dass man von Herzen sagt: Das war jetzt aber peinlich!“ Nachher lachen alle. Aber nicht hämisch, sondern befreit. Aber wie sollen sich diejenigen verhalten, die über ein durchschnittliches Selbstbewusstsein verfügen? Die meisten Fachleute raten: entweder den Vorfall ignorieren oder sich entschuldigen.

          Die Fettnäpfchen-Fälle ähneln einander. Zum Beispiel bei überforderten Rednern: In einer Stellungnahme erntet der eigens eingebaute Witz keine Lacher, sondern verständnislose Blicke und betretenes Schweigen. Im Referat ist das aufgeblähte Fremdwort falsch benutzt. Das sind Situationen, die sich eher verschlimmern, wenn man versucht, sie nachzubessern. Da hilft es, drüber hinwegzugleiten und sich tröstend zu versichern, dass der nächste Witz besser ankommen kann und das selten benutzte Fremdwort lieber ungesagt bleibt. In die rhetorische Offensive gehen sollten nur Menschen, die von Natur aus schlagfertig sind. Alle anderen sitzen die Situation besser aus.

          Sie müssten bitte Ihre Kleidung richten

          Oder der Büroklassiker schlechthin: Tratschen ist unschön, aber verbreitet. Was tun, wenn derjenige, über den gelästert wird, die frechen Sprüche mitbekommt? Da hilft nur eins: Die Flucht nach vorn antreten und sich entschuldigen. Nichts beschönigen, nichts leugnen, das wäre lächerlich. Und am besten den Vorsatz fassen, seine Zunge künftig im Zaum zu halten. Was tun, wenn ich den Namen des Gegenübers vergessen habe? Sofort freundlich nachfragen. Wer umständliche Volten schlägt, um die Anrede zu vermeiden, potenziert die Peinlichkeit.

          Peinlichkeiten, bei denen alle mitreden können: Nach dem Händewaschen klaffen Reißverschluss oder Blusenknopf offen. Nette Kollegen machen einen darauf aufmerksam mit dem hübschen Standardsatz der Etikette-und-Stil-Ratgeber: Sie müssten bitte Ihre Kleidung richten. Der diskrete Hinweis „Sie haben da etwas im Gesicht“ hat noch die meisten erleichtert, die sonst bis Dienstschluss mit Schnittlauch zwischen den Zähnen komische Blicke geerntet hätten.

          Vor Peinlichkeiten ist niemand gefeit, auch Vorgesetzte nicht. Wie wirken Führungskräfte, die zu ihren Patzern stehen? „Wer Charisma hat, der kommt souverän rüber. Wer verklemmt ist, erntet Gekicher.“ Das kann weh tun. „Schamgefühle verjähren nicht. Man kann auch Jahre später noch im Erdboden versinken beim Gedanken an unangenehme Situationen“, sagt Stefanie Stahl und lacht dabei. Ihr sei so schnell nichts peinlich, weil ihr wenig Menschliches fremd ist.

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