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Feel-good-Manager : Animateure im Großraumbüro

Entspannung im Betrieb: Schlafraum bei BMW Bild: REUTERS

Sie heißen Feel-good-Manager und arbeiten in Zeiten des Fachkräftemangels daran, dass sich die wertvollen Kollegen gut fühlen. Dazu werden vegane Sandwiches serviert oder Schlafboxen aufgestellt. Doch ist das wirklich so gut wie es klingt?

          Auf dem Tisch des Chefredakteurs einer rheinländischen Tageszeitung sammelten sich im Lauf des Jahres rund 500 Bewerbungsschreiben aufstrebender Jungjournalisten, die sich um ein Volontariat bemühten. Die glücklichen fünf, die nach jahrelanger freier Mitarbeit anheuern durften, empfanden das als Sechser im Lotto und hatten ausgiebig Gelegenheit, ihre Dankbarkeit zu beweisen, indem sie klaglos Überstunden, Spät- und Wochenenddienste meisterten und mit ihren klapprigen Studentenfiestas den Selfkant und seine Gemeinderäte aufsuchten. Ein nicht unterentwickeltes Selbstausbeutungsgen schadete damals nicht. Das ist mehr als 20 Jahre her. Heute stoßen Journalisten schon bei ihren Recherchen auf gänzlich andere Arbeitsbedingungen in Unternehmen. Sie lernen etwa „Feel-good-Manager“ kennen, die dafür angestellt sind, dass sich die Kollegen wohlfühlen und nicht auf den Gedanken kommen, bei der Konkurrenz anzuheuern.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          So wie die gefragten Mitarbeiter von Spreadshirt in Leipzig ein sogenanntes Social-Commerce-Unternehmen, das Produkte nach Kundenwunsch bedruckt. Der Altersdurchschnitt der Mitarbeiter des Online-Händlers beträgt 31 Jahre. Dem Personal wird einiges geboten. Dafür sorgt Stefanie Häußler. Die sportlich wirkende Frau mit den langen blonden Haaren in Jeans und Lederjacke hat mal studiert, Geschichte und Religionswissenschaften, für einen Sprachreiseveranstalter in Spanien und für die Leipziger Messe gearbeitet und eine Eventmanagement-Ausbildung abgeschlossen. Bei Spreadshirt arbeitet sie in der Personalabteilung. „Ich kümmere mich um die Firmenkultur im Großen, das bedeutet im Kleinen, dass ich die Feiern organisiere, Bogenschießen und Klettern anbiete“, sagt die 28-Jährige. Manche Arbeitstage klingen mit gemeinsamem Sushi-Rollen, Pizzabacken und mit den „Siedlern von Catan“ aus. Manchmal dürfen Eltern ihren Nachwuchs und Singles ihre Bekannten mitbringen.

          Stefanie Häußler dreht oft ihre Runden, mischt sich „gerne unters Volk“, setzt sich mit ihrem Laptop in die Teeküche, um nicht nur über Mail oder Skype zu kommunizieren. So erfuhr sie, dass sich die Kollegin vom Kundenservice im Vorleseverein engagiert und dass eine andere Bogenschützin ist. „Dinge, die man in was Nettes verwandeln kann.“ Daraus entstehen launige Abende und Kontakte quer durch die Abteilungen der 200 in Deutschland arbeitenden Mitarbeiter. „Weil ich eine neutrale Stelle bin, mischt sich das schön, manchmal kommen Leute aus zehn verschiedenen Abteilungen.“ Trotz Sommerfest mit 40 Kollegenkindern und traditionellem IT-Weihnachtsgrillen mit Bratwurst auf der Dachterrasse gehe es nicht nur darum, „Spaß zu haben“.

          Neues Gesundheitsbewusstsein: Auch mit veganen Sandwiches lässt sich so manche begehrte Fachkraft locken.

          Natürlich gebe es auch Probleme, klagten Kollegen über ihr Aufgabengebiet und mangelnde Herausforderungen. Manche der Beschwerden landen bei Stefanie Häußler. „Wir beraten uns im Team und bieten Lösungen an. Es ist hilfreich, dass ich in der Personalabteilung arbeite.“ Selbstverständlich gebe es einen „On-Boarding-Prozess“: Wer neu nach Leipzig zieht, wird unterstützte und zwar so, „dass er seinen Job von Anfang an gut machen kann“.

          Für einen guten Neustart in Berlin sorgt Stephanie Greenstreet von Researchgate und hilft bei der Wohnungssuche und Behördengängen. Sie selbst sei oft „the new kid in town“ gewesen und könne sich gut in neue Mitarbeiter des Internetwissenschaftler-Netzwerk hineinversetzen. Als Company-Culture-Managerin sorgt sie unter den 120 Mitarbeitern aus 20 Nationen für gute Stimmung in Berlin-Mitte. Ihre Arbeit bestehe im „Organisieren, Organisieren, Organisieren“, erklärt die Tochter einer Bayerin und eines Briten, die in London Germanistik studiert hat. In enger Absprache mit dem Management plant sie Aktivitäten, vom Geburtstagsständchen für alle bis zum Deutschunterricht für ausländische Mitarbeiter, aber auch die Yogastunde von Freitag früh bis zum Wochenende in Mecklenburg. Nur der Wunsch nach einem Kurs in mittelalterlichem Schwertkampf wurde abgeblockt, das sei „ein bisschen zu gefährlich“ erschienen. Im Übrigen aber gelte: „Wer sich in der Freizeit gut versteht, kann auch im Job besser zusammenarbeiten.“ Es gibt jede Menge Rituale vom Stammtisch bis hin zum gemeinsamen, kostenlosen Mittagessen.

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