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Familienunternehmen : Warum so viele Betriebe keinen Nachfolger finden

Gärprozesse: Vielerorts brodelt es kräftig, wenn es zum Thema Unternehmensnachfolge kommt. Hier der Juniorchef der Kölsch-Brauerei Gaffel, Heinrich Philipp Becker, vor einem Gärbottich Bild: Kai Nedden

Mehr als 100.000 Familienunternehmen brauchen bald einen neuen Chef. Der Übergang scheitert oft. Dafür gibt es prominente Beispiele: Tönnies, Fischer Dübel oder die Kölsch-Brauerei Gaffel. Die Gründe hat sich ein Dortmunder Professor genauer angeschaut.

          In der Zeitspanne zwischen den Jahren 2014 und 2018 steht bei rund 135.000 Familienunternehmen in Deutschland die Nachfolge an. Einer Studie zufolge schaffen aber nur 12 Prozent der Familienunternehmen die Weitergabe des Unternehmens bis in die dritte Generation. Und sogar nur noch magere 1 Prozent schaffen die Weitergabe des Familienunternehmens bis in die fünfte Generation. Auch in der Öffentlichkeit sind in den vergangenen Jahren gescheiterte Nachfolgen bei Familienunternehmen publik geworden. Grund genug, für Diethard Simmert, Professor an der ISM International School of Management in Dortmund, einmal genauer hinzuschauen, was selbst bei bekannten und wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmen wie Tönnies, Fischer Dübel oder auch der Brauerei Gaffel aus Köln nicht so gut funktioniert - und was man besser machen könnte.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Zum Scheitern von Nachfolgeregelungen komme es oftmals wegen der Nichtbeachtung von rechtlichen und steuerlichen Belangen, schreibt Simmert. Hier seien insbesondere unstimmige Testamente, Gesellschaftsverträge und Ehe- und Erbverträge zu nennen. Auch eine nur steueroptimierte Nachfolgelösung im Unterschied zu einem Blick für das Ganze führte in der Vergangenheit zu unüberbrückbaren Schwierigkeiten, welche die Nachfolge scheitern ließen und den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens negativ beeinflussten.

          Der Verzicht auf die Einbindung spezialisierter Fachleute in den Nachfolgeprozess und der damit einhergehende Verzicht auf Know-how könnten Nachfolgen ebenfalls scheitern lassen. Emotionale Gründe, moralische Verpflichtungen des Unternehmers gegenüber seinen Kindern und eine fehlende Ehrlichkeit seien ebenfalls kritische Faktoren. Hinzu komme, dass sich der Unternehmer nicht oder zu spät mit der Nachfolge beschäftige und zudem eine falsche oder zu oberflächliche Kommunikationspolitik mit den Beteiligten betreibe.

          Neid, Missgunst und falsches Gerechtigkeitsempfinden

          Bei Familienunternehmen mit einem aus mehreren Familienmitgliedern bestehenden Gesellschafterkreis seien Pattsituationen und ein zersplitterter Gesellschafterkreis Barrieren, welche die erfolgreiche Nachfolge gefährdeten. Zudem komme es oftmals zu einer Bildung von Allianzen innerhalb der Familie und im Gesellschafterkreis, welche das Unternehmen und insbesondere auch die Unternehmensnachfolge nachhaltig lähmen und blockieren könnten. Diese Allianzen entstünden durch Neid und Missgunst sowie falsches Gerechtigkeitsempfinden oder fehlendes Wissen. Zudem spiele hierbei eine fehlende Bindung der Familie an das Unternehmen eine bedeutende Rolle. Auch durch Dritte, insbesondere angeheiratete Familienmitglieder, können erhebliche Konflikte entstehen.

          Werde keine Niederschrift über den Ablauf der Nachfolge festgelegt und würden nicht alle relevanten Familienangehörigen in den Nachfolgeprozess eingebunden, seien Konflikte programmiert. Auch die Altersversorgung des Seniors spiele eine wesentliche Rolle. Habe der eben nicht genug vorgesorgt und scheitere der Nachfolger, so sei auch die finanzielle Absicherung des Seniors gefährdet.

          Grundsätzlich gelten Familienunternehmen bei Nachfolgeregelungen wegen all dieser Schwierigkeiten als lernschwach und zu starr in ihrer Denkweise, schreibt Simmert. Die Tatsache, dass eine erhebliche Anzahl von Nachfolgen in Zukunft auf deutsche Familienunternehmen zukomme, verdeutliche die Relevanz des Themas noch. Mit zunehmender Generationsstufe erhöhe sich oft die Anzahl der Familienmitglieder im Gesellschafterkreis, was zu einer steigenden Komplexität und einem erhöhten Konfliktpotential führen könne. Trotz unternehmerischen Erfolgs von Familienunternehmen scheiterten Nachfolgeregelungen vor diesem Hintergrund häufig.

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