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Fachkräftemangel trotz hoher Arbeitslosigkeit? : Der Dipl.-Ing. als Praktikant

Neue Chance: Christian Haim (links) und Rainer Schäfer Bild: Rittal

Die Wirtschaft beklagt lauthals den Mangel an Ingenieuren und fordert freien Zugang für Osteuropäer - dabei sind hier zu Lande noch viele, vor allem ältere Fachkräfte arbeitslos. Ein Projekt zeigt, wie die Vermittlung klappen kann.

          Die Melodie ist längst bekannt, nur die Lautstärke nimmt zu: Der deutschen Wirtschaft gehen die Ingenieure aus, mit dieser Nummer reüssieren schon seit Monaten Unternehmen und Arbeitgeberverbände hierzulande. Aufträge im Gesamtvolumen von mehreren Milliarden Euro drohen verlorenzugehen, weil entsprechende Stellen nicht adäquat besetzt werden können. Von bis zu 40.000 Vakanzen ist die Rede. Das Thema drängte mit einer Wucht auf die politische Agenda, der sich auch die Bundesregierung nicht entziehen konnte: Der für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Mitgliedsländern Osteuropas eigentlich abgeriegelte deutsche Arbeitsmarkt ist seit dem 1. November für Maschinenbau- und Elektroingenieure geöffnet.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Das ist die eine Seite der Debatte. Die andere sieht so aus: Im August dieses Jahres gab es fast 25.000 arbeitslose Ingenieure. Vor zwei Jahren waren es zwar noch 60.000 gewesen. Von einem allgemeinen Mangel könne dennoch nicht die Rede sein, heißt es in einer Beurteilung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Mehr als 9000 Erwerbslose entfallen sogar auf die besonders begehrten Fachrichtungen Maschinenbau und Elektrotechnik, dazu kommen weitere 3800 arbeitssuchende Wirtschaftsingenieure, die ebenfalls gefragt sind. Auffällig ist die Altersverteilung: Nur jeder siebte ist jünger als 35 Jahre alt, aber jeder zweite bereits älter als 50 Jahre.

          Interesse ist da, an der Qualifikation mangelt es

          Eine bewusste Diskriminierung von Älteren müsse deshalb jedoch nicht automatisch vorliegen, sagt Raimund Becker, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit (BA). Für das erfolgreiche Vermitteln zwischen Angebot und Nachfrage gelte erfahrungsgemäß "ein Schlüssel von 1:3" - für eine offene Stelle brauche man im Schnitt drei geeignete Bewerber. Denn oft passe zwar die Qualifikation des Bewerbers auf das Stellenprofil, aber unterschiedliche Lohnvorstellung oder mangelnde Mobilität verhindern dann eine Vermittlung. Voraussetzung sei jedoch immer die fachliche Eignung des Kandidaten. Und gerade daran hapere es bei vielen älteren arbeitslosen Ingenieuren. Bei ihnen, das ist nachgewiesen, scheitert die Vermittlung häufiger an fehlender Qualifikation als an mangelndem Interesse als im Rest der Bevölkerung.

          Genau diese Erfahrung hat Rainer Schäfer gemacht. Der Elektroingenieur aus Mittelhessen hat zunächst lange für einen Werkzeugmaschinenhersteller gearbeitet, ehe er zu einem Unternehmen für Gasvermessung wechselte. Dort bildete er sich zunächst weiter, durfte dieselben Tätigkeiten ausführen wie ein staatlicher Eich-Beamter. "Gedanken um meinen Arbeitsplatz habe ich mir nie gemacht", sagt Schäfer. Der schien ihm angesichts der steigenden Bedeutung der Gasversorger gesichert. Bis er in die Personalabteilung zitiert wurde, wo man ihm mitteilte, dass die Geräte, die er betreute, veraltet und seine Dienste deshalb nicht mehr gefragt seien. Mit 50 Jahren entlassen, fand sich Schäfer auf dem Arbeitsmarkt wieder.

          „Sorgen habe ich mir nie gemacht“

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