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Entfernte Arbeitsorte : Deutschland, deine Pendler

„Oft das kleinere Übel“

Wichtig ist für Forscher wie Rüger allerdings: „Die nachteiligen Folgen dürften noch unterschätzt sein, schließlich gibt es Selektionseffekte: Diejenigen, die gar nicht damit klarkommen, steigen früh aus.“ Studien jedenfalls zeigen, dass der Stresshormonlevel mit der Dauer des Pendelns steigt, denn es steigt auch das Risiko des Kontrollverlustes: ein unvorhergesehener Stau oder ein verpasster Anschluss. „Das kann man nicht schönreden“, sagt Rüger. „Aber oft ist Pendeln für die Personen das kleinere Übel.“

Denn es gibt ja gute Gründe, diese Belastung trotz allem auf sich zu nehmen. Kurz zusammengefasst sind es zwei: die gute Arbeitsmarktlage und die Doppelverdienerehen. Ersteres ist leicht zu verstehen. Je mehr Menschen eine Stelle haben, desto häufiger kommt es vor, dass der Arbeitgeber nicht am Wohnort sitzt. Das sieht man unmittelbar in den Zahlen: Kaum wurden im vergangenen Jahr 600.000 neue Stellen geschaffen, wächst die Pendlerschar um weitere 400.000 Menschen. Erstaunlich ist die Verlässlichkeit: Die Pendelfreude ist durchaus gleichmäßig verteilt, auch bei den neu hinzukommenden Beschäftigten. Vielleicht hilft dieser Gedanke morgens beim Gedränge im überfüllten Bus: Der Ellenbogen des Nachbarn im Rücken ist eine fast zwangsläufige Folge der Erfolgsmeldung, dass fast alle Menschen Arbeit haben. Willkommen in der Beinahe-Vollbeschäftigung!

Der zweite Punkt, die Doppelverdienerehe, ist komplexer, denn sie führt zu einer erstaunlich hartnäckigen Heimatverbundenheit, jedenfalls im Bezug auf die Heimat, für die man sich als Paar einmal entschieden hat. Auf der einen Seite gilt Pendeln als Ausweis besonderer Mobilität. Kein Weg ins Büro ist uns zu lang, keine Region ist uns zu unbekannt, als dass wir dort nicht unseren Laptop aufklappen könnten. Doch das ist nur auf den ersten Blick richtig. Tatsächlich ist das glatte Gegenteil der eigentliche Beweggrund: Nichts beschreibt so deutlich wie die Pendlerströme, was für ein sesshaftes Volk wir doch sind. Aus unserem geliebten Kiez wollen wir nicht raus, selbst wenn eine attraktive Stelle und das große Geld locken. Lieber Pendeln wir durch die halbe Republik, als unserer Arbeit nachzuziehen. Nur ein Prozent der Menschen wechseln jedes Jahr für die Arbeit ihren Wohnort.

Keiner zieht dem anderen hinterher

Dreh- und Angelpunkt dieser Sesshaftigkeit ist und bleibt die Familie – und das mehr denn je. Denn jetzt hat jedes Familienmitglied seine eigenen Vorstellungen über den Aufenthalt, und die werden lautstark artikuliert. Früher sind die Frauen oft noch mitgezogen, wenn sich für den Gatten eine neue Arbeitsmöglichkeit ergeben hat. Das hat so manche Ehe belastet, aber hielt die Familie jedenfalls formal zusammen.

Wenn jedoch beide arbeiten, zieht keiner gerne dem anderen hinterher – mitunter auch aus Prinzip. Denn die gute Arbeitsmarktlage ließe es sicherlich in vielen Fällen zu, dass auch der Partner am neuen Wohnort eine Stelle findet, aber womöglich nicht die Traum-karriere. Die Rollenbilder setzen sich nun auf andere Weise fort: Es sind vor allem die Männer, die weite Strecken pendeln. Akademiker, männlich und durchaus komfortbewusst, so sieht der klassische Fernpendler der Deutschen Bahn aus.

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