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Einstellungen zur Arbeitswelt : Die Generation Y ist ein Phantom

Vegan isst die junge Generation schon mal nicht: Und sonst? Bild: mauritius images

Anspruchsvoll, freizeitorientiert, selbstbewusst – all das schrieb man der Generation Y zu. Jetzt stellt sich heraus: Die 20- bis 35-Jährigen ticken gar nicht anders als frühere Generationen.

          Eigentlich sollte Martin Schröder ein Buch über die Generation Y schreiben. Also einen Text über die heute 20- bis 35-Jährigen, die so ganz anders ticken als die Vorgängergenerationen. Glaubt man Jugendstudien und Unternehmensberatern, legt diese Kohorte besonderen Wert auf Selbstverwirklichung – sei es in der Freizeit oder im Berufsleben. Mit hohen Ansprüchen an Arbeitgeber und das eigene Leben gehen die jungen Erwachsenen durchs Leben, das Interesse an Politik und Gesellschaft halte sich dagegen in Grenzen.

          Johannes Pennekamp

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaftsberichterstattung, zuständig für „Die Lounge“.

          Also begann der Marburger Soziologie-Professor mit seiner Recherche und durchforstete Befragungen junger Deutscher, die viele Jahrzehnte zurückreichen. „Ich habe in den Daten nach tatsächlich sichtbaren Unterschieden gesucht – und einfach nichts gefunden“, sagt Schröder. Er habe jeden Anreiz gehabt, Unterschiede herauszufiltern, schließlich verkaufen sich Bücher über die Generationen in der Regel gut. „Aber es gab einfach keine.“

          Schröders Fazit: Die Lebenseinstellungen in der vermeintlichen Generation Y und anderen Generationen wie den Babyboomern, den 68ern oder der Generation X weichen kaum voneinander ab. Und wenn, dann anders, als man gemeinhin glaubt.

          Mehr als eine halbe Million Antworten ausgewertet

          Aus dem Buch über die Generation Y wurde deshalb nichts. Stattdessen hat der Forscher ein Studie mit dem Titel „Der Generationenmythos“ geschrieben, die jetzt in einem Fachjournal erschienen ist. Um dem sogenannten Kohorteneffekt auf den Grund zu gehen, wertete Schröder mehr als eine halbe Million Antworten von rund 76.000 Menschen aus, die in den vergangenen Jahrzehnten für das Sozio-oekonomische Panel (Soep) befragt worden sind. Die Ergebnisse, die er aus den repräsentativen Umfragen ableitete, stellen die gängigen Zuschreibungen in Frage.

          „So gibt es gerade in Bezug auf die Wichtigkeit von Selbstverwirklichung kaum systematische Unterschiede des Antwortverhaltens verschiedener Geburtenkohorten“, schreibt Schröder. Die Befragten der Generation Y interessierten sich demnach sogar mehr für politische und gesellschaftliche Entwicklungen als ihre Vorgänger, was dem widerspreche, was der Generation Y unterstellt wird. Dasselbe gelte für den beruflichen Erfolg. Dieser ist der Generation Y wichtiger als der Vorgängergeneration. Dabei habe man gerade dieser nachgesagt, „Arbeit als zentralen Lebensinhalt“ anzusehen. Schröder schlussfolgert: „Angesichts dessen sind Umfragen wie die Shell Jugendstudie wenig sinnvoll, ebenso wie eine Managementliteratur, die Ratschläge zum Umgang mit Generationenunterschieden gibt, welche empirisch nicht feststellbar sind.“

          Der Marburger Soziologe ist nicht der erste Wissenschaftler, der die Generationenunterschiede zum Mythos erklärt. Auch eine Untersuchung des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf räumte Anfang des Jahres mit den „pauschalen Zuschreibungen an die Generation Y“ auf. Diese Generation sei eine vielfältige, heterogene Gruppe, die nicht auf einen Nenner gebracht werden könne. Die jüngeren Arbeitnehmer unterscheiden sich demnach in ihrer Persönlichkeit, ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten. „Das gilt für die Generation Y ebenso wie für die Vorgängergenerationen“, bilanzierte Forscherin Sibylle Adenauer, die sieben einschlägige Studien verglichen hatte. Warum sich die pauschalen Zuschreibungen trotzdem halten? Adenauer vermutet, dass diese von Medien und Personalfachleuten weitergetragen werden, ohne genauer hinterfragt zu werden.

          Auch die Älteren wollen weniger arbeiten

          Was die Studien allerdings nicht ausschließen können, ist ein allgemeiner Wertewandel über die Generationengrenzen hinweg. Die Gewerkschaften stellen beispielsweise bei ihren Mitgliedern einen wachsenden Wunsch fest, flexibler zu arbeiten und zum Beispiel die Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren. Das kann mit technischen Innovationen zu tun haben, die zum Beispiel das Arbeiten von zu Hause ermöglichen, aber auch mit veränderten Wertevorstellungen oder Familienstrukturen, die Beschäftigte und Arbeitgeber vor neue Herausforderungen stellen.

          So haben sich kürzlich rund 200.000 Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie entschieden, im nächsten Jahr acht zusätzliche freie Tage anstatt entsprechend mehr Geld in Anspruch zu nehmen, um sich um Kinder oder Eltern zu kümmern oder sich von der Schichtarbeit zu erholen. Ob dahinter ein genereller Trend steckt, treibt auch den Soziologen Martin Schröder um.

          Er hat für die F.A.Z. deshalb die Soep-Daten noch einmal genauer unter die Lupe genommen. „Seit 1985 werden die Deutschen nicht nur gefragt, wie viele Stunden sie tatsächlich arbeiten, sondern auch, wie viele Stunden Arbeitszeit sie sich wünschen“, erklärt er. Unabhängig vom Alter könne man sehen, dass die gewünschten Arbeitsstunden seit 2007 zurückgehen, von etwa 34,7 auf etwas über 33 Arbeitsstunden in der Woche. Erklärungen kann es dafür viele geben – mit den vermeintlichen Eigenheiten der Generation Y hat es aber nichts zu tun. „Es geht nämlich allen gleichermaßen so“, sagt Schröder.

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