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Serie „Einfach mal anhalten“ : Lichtblick zwischen zwei Tunneln

Pausen machen nachdenklich. Im Ort gibt es einen Metzger, einen Edeka-Markt mit Bäckerei und Poststelle, der um 6.15 Uhr öffnet, und zwei Bankfilialen. Auch mal schön, Menschen statt Online-Daten zu begegnen. In der kleinen Schalterhalle stehen Kunden. Am Kontoauszugdrucker macht sich eine Frau zu schaffen, die aufblickt: „Entschuldigung, ich habe Sie gar nicht gegrüßt.“ Sekunden der Verwirrung. Warum grüßen? Kennen wir uns? In der Großstadt käme keiner auf die Idee, jemanden einfach nur so zu grüßen, der am Nachbarautomaten Geld zieht. Hier aber kennt jeder jeden oder ist freundlich zu Touristen. Ein schöner Gedanke. Höflichkeit macht das Leben angenehmer: „Grüß Gott!“

Schroffe Felsen, sanfte Wiesen

Pausen machen glücklich. Kindings Umgebung bietet schroffe Felsen, sonnige Wachholderhänge und sanfte Wiesen. Wanderer freuen sich über einsame Wege und genießen das Sommerparfum aus Kindheitstagen - den Duft gemähter Wiesen. Es soll vom Land stammende, in der Stadt gestrandete Menschen geben, die sich ab und an eine Tüte Nager-Heu aus dem Drogeriemarkt holen, obwohl sie gar keinen Hamster besitzen. Einfach, weil das der Duft ihrer Kindheit ist. Naturdenkmäler wie das „Felsentor“ bei Unteremmendorf oder Burgruinen im Altmühltal erinnern an die großartigen Eileen-Soper-Illustrationen der geliebten Enid-Blyton-Fünf-Freunde-Bände aus Jugendzeiten. Augenblicklich steigt die Erinnerung an vergangene, selbstvergessene Lesestunden hoch. Entspannend wie ein Kurzurlaub fürs Gehirn.

Pausen machen sportlich. Dass das Wandern schon lange nicht mehr als bieder gilt, ist eine Binse. Was der Jakobsweg vermag, kann das Altmühltal auch. Der Weg ist das Ziel, einen Schritt vor den anderen setzen, weiter, weiter, weiter. Das wird zum Automatismus. Mit jedem Schritt nach vorn verblassen Gedanken an drängende Abgabetermine, stockende Recherchen und To-do-Listen, die es abzuarbeiten gilt. Stattdessen ertappen wir uns dabei, einem Zitronenfalter auf seiner Segeltour von Kleeblüte zu Kleeblüte nachzustarren. Manche nennen das Achtsamkeitsübung und berappen dafür beachtliche Seminarkosten, die sich meist schönfärberisch Gebühren nennen. Nur ab und zu kreuzen hektische Radler das Falterglück. Gefährlich wird das nur, wenn die E-Bikes ihre Neubesitzer im Griff haben und nicht umgekehrt. Für Betuliche gibt es am Ortsausgang ein Kneippbecken, „Gesundheitsanlage“ steht auf dem Schild. Die Altmühl ist kalt und klar, das Storchenbeingestapfe sieht nicht eben elegant aus, aber die Plantscherei ist kurzweilig und richtig gesund. Hier wird der Vorsatz gefasst, künftig wieder mehr barfuß zu laufen. Am Holztor hängt ein Zettel: „Bachwanderung entfällt. Treffpunkt: Spielplatz m. Kaffee, Kuchen, Eis.“ Was stört, ist die laut lärmende U43. Auf der Umgehungsstraße am Ortsausgang heizen Lkw. Schräg gegenüber residieren in einem Zweckbau ein Getränkehandel und „Uschis’s HaarWerk. Trend und Tradition“ steht da. Wirklich.

Pausen machen dankbar. So ein Abstecher in die Provinz spiegelt wider, was die städtische Arbeitswelt zu leisten vermag. Richtung Großstadt zu düsen und viele, ganz unterschiedliche Menschen zu treffen fühlt sich auch gut an. Um 17.38 Uhr geht es mit dem Regionalexpress aus Nürnberg zurück nach München. Auf der Fahrt gibt es keine besonderen Vorkommnisse. Normalität ist etwas Schönes. Anhalten, abschalten, neue Fahrt aufnehmen. Einer Umfrage von TNS Infratest zufolge nutzen zehn Prozent der befragten Deutschen ihre Pausen bei der Arbeit selten oder nie. 20 Prozent nehmen sie nur verkürzt in Anspruch. Da läuft etwas schief.

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