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Ein Tag im Sportinternat : Mit Schweiß und Trainern

  • -Aktualisiert am

Bild: FAZ.NET - Andreas Brand

In Sportinternaten bereiten sich Jugendliche auf Karrieren im Spitzensport vor. Und darauf, dass der Sport allein meist nicht reicht, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Ein Besuch bei Judoka André Breitbarth in Hannover.

          In der dritten Runde machen die Banksprünge schon sichtlich Mühe. André Breitbarth atmet hörbar, der Schweiß steht in kleinen runden Kreisen auf seinem T-Shirt. „Los, los, mit eurem Schweiß verdiene ich mein Geld!“, schreit der Trainer, und André rafft seine 112 Kilo noch weitere vier Mal über die Sporthallen-Holzbank, bis die Digitaluhr an der Wand piepst.

          „Uuund Wechsel“, ruft der Trainer, und André geht eine Station weiter im Zirkel. 30 Sekunden Pause, dann heißt es, auf dem Rücken liegend, eine lebensgroße Judo-Puppe über den Boden schleppen, immer weiter, immer weiter, pieps, „uuund Wechsel“.

          „Dass es nach so einem Frühtraining nicht immer leicht ist, sofort umzuschalten und sich in die Schulbank zu setzen ist doch klar“, sagt der 20 Jahre alte Leistungssportler. Schon zweimal ist André Breitbarth deutscher U-20-Judo-Meister in seiner Gewichtsklasse geworden; in diesem Jahr hat er schon bei den Männern gekämpft und Bronze geholt. „Optimal wäre, wenn ich es zu Olympia schaffen und dann auch eine Medaille erreichen würde“, sagt er. Ziel sei aber gleichermaßen das Abitur und eine gute Ausbildung oder ein Studium. Um beides besser unter einen Hut zu bringen, lebt André Breitbarth seit drei Jahren im Sportinternat des Landessportbunds Niedersachsen in Hannover und besucht eine „Eliteschule des Sports“, wo spezielle Tutoren auf seine Lage Rücksicht nehmen.

          Training - Schule - Training: Der Alltag im Sportinternat ist stressig

          Für sein Abitur hat er ein Jahr länger Zeit als andere Schüler. „Schulzeitstreckung“ nennt sich diese sportlerfreundliche Umstrukturierung der Oberstufe. Sie ermöglichte André Breitbarth in einem zusätzlichen Schuljahr alle nicht prüfungsrelevanten Fächer der Oberstufe vorab zu absolvieren. So bleiben für die letzten zwei Schuljahre nur noch die Prüfungsfächer übrig - und damit weniger Schulstunden.

          40 Eliteschulen des Sports gibt es in ganz Deutschland

          Über ganz Deutschland verteilt, bieten insgesamt 40 Eliteschulen des Sports solche und ähnliche flexible Modelle an; 11.300 junge Sportler besuchen diese Schulen. „An jede ist ein Internat angegliedert“, erläutert Ulf Tippelt, Direktor Leistungssport im Deutschen Olympischen Sportbund. „Oft bieten die Internate auch Wohnraum für Studenten und Auszubildende, die sich neben dem Spitzensport auf ihren Beruf vorbereiten wollen.“

          So ist es auch in Hannover: „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass später kein einziger unserer Internatsschüler sein Einkommen nur mit Sport bestreiten kann“, sagt Reinhard Rawe, Direktor des Landessportbunds Niedersachsen. „Deshalb leisten wir auch über die Schulzeit hinaus Hilfestellung.“ So kooperiert das Sportinternat mit verschiedenen Ausbildungsbetrieben, etwa mit der Sparkasse Hannover oder mit Volkswagen. „Die Firmen bieten zum Beispiel flexible Arbeitszeiten für die Sportler und nehmen Rücksicht auf Wettkampfphasen“, berichtet Internatsleiter Andréas Bohne.

          Auch nach dem Abi können manche Sportler im Internat bleiben

          Auch der Judoka André Breitbarth liebäugelt damit, nach seinem Abitur im Internat wohnen zu bleiben. „Egal ob ich mich für eine Ausbildung oder ein Studium entscheide, hier wird einem vieles leichter gemacht.“ Das Trainingsgelände ist um die Ecke, das Kochen übernimmt die Mensa, zum Saubermachen kommt eine Putzfrau. Gerade mal Wäschewaschen und einen regelmäßigen Küchendienst müssen die Internatsschüler übernehmen. Trotz dieser Erleichterungen hat André ein volles Tagesprogramm. Meistens steht er zwischen halb sieben und sieben Uhr auf, frühstückt und geht dann zum Frühtraining. Danach setzt er sich aufs Fahrrad oder in seinen schwarzen VW und düst zur Schule. An diesem Mittwoch hat er nur eine Doppelstunde Bio, sein Leistungs- und Lieblingsfach. „Das ist ziemlich locker heute, die anderen Wochentage sind stressiger“, sagt er. Oft verpasst er Teile des Schultags wegen des Trainings. Besonders viel nachholen muss er, wenn er im Trainingslager war und ganze Wochen versäumt hat. Weil solche Ausfälle in seiner Schule ständig vorkommen, ist vorgesorgt: Es gibt Nachholunterricht, jeder Schüler hat einen Mitschreibepartner, der über den Stoff Buch führt, und es gibt eine Internetplattform, auf der die Schule Lernmaterial einstellt.

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