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Eignungsdiagnostik : Nur weg mit alten Illusionen

  • -Aktualisiert am

Menschen sind nicht einfach Manager oder Ingenieure Bild: dpa

Das Stuttgarter Institut für Profiling dreht den Spieß der Arbeitsagenturen um: Jobs werden nun Personen zugeordnet. Ein neuer Test soll Unternehmen und Bewerbern helfen - mit überraschenden Ergebnissen.

          Weil er 22 Jahre Textilmaschinenführer war, hat Stefan Idel keinen Job mehr. Die Firmen in der Gegend gibt es nicht mehr. Neuorientierung ist kein Pappenstiel. Er liebt seinen Beruf. Als ihn das Arbeitsamt zum „Netzwerk für Arbeit“ in Wuppertal sendet und die mit ihm einen Berufsprofiling-Test machen wollen, denkt er: „Wieder eine sinnlose Maßnahme.“ Aber er geht hin. Vier Stunden mit Pause muss er am PC Gesichter wieder erkennen, Aufgaben rechnen, sein Englisch testen oder Wissensfragen beantworten. Dutzende weitere Aufgaben löst er und fährt erschöpft heim. Als die Ergebnisse kommen, überfliegt er sie. „Lauter schreckliche Sachen standen da“, erinnert er sich. Er spricht mit seinem Berater Erik Schönenberg beim Netzwerk. „Mir ist vieles an mir klarer geworden. Ich habe Schwächen annehmen können, Stärken entdeckt und wieder einen Weg“, sagt er heute.

          Er trennt sich auch von Illusionen. Wie zum Beispiel von der, in einem Büro zu arbeiten. Stefan Idel ist kein Hektiker, seine Sätze sind aufgeräumt. Er ordnet seine Gedanken. Zu seiner Verwunderung bescheinigt ihm das Gutachten, dass schriftliche Arbeiten für ihn ungeeignet sind. „Ich war lange in der Industrie. Was will ich da umsteigen“, sagt er heute. Klingt das mutlos? An dem Test gäbe es nichts zu rütteln, er habe nun ein Ziel. Er will sich in Elektronik weiterbilden.

          Auch Lutz Münch hat sich getestet und staunt: „Ich habe unternehmerische Fähigkeiten.“ Derzeit sucht Münch eine Stelle als PC- und Netzwerkadministrator. Aufgrund des Gutachtens schaue er auch nach Teamleiterpositionen: „Bei der Feuerwehr führe ich ja zum Beispiel bis zu 60 Leute und muss Gelder verwalten.“ Bislang warf er das nicht in die Waagschale, „weil das Freizeitbeschäftigung ist“. Und es war keiner da, der mit ihm reflektiert hätte, was er mit seinem Wissen tun kann. „Mich hat der Test selbstbewusster gemacht. Weil er mich als ganzen Menschen erprobt und nicht nur als `Münch, den Techniker`“, sagt er lachend.

          Nicht zum Ingenieur geboren

          „Künftig werden außerbetriebliche Kompetenzen im Job wichtiger“, sagt Erik Schönenberg. Menschen seien nicht einfach Bäcker, Manager oder Ingenieure. Und auch privat trainierte Kompetenzen kommen den Unternehmen zugute - der Mensch als Ganzes eben. Das müssten sie und die Bewerber nur erst mal erkennen. Bernhard Wichmann weiß davon ein Lied zu singen. Er ist Rektor der Haupt- und Werkrealschule in March. Vom Azubi-Diagnosezentrum in Freiburg hat er eine komplette Klasse mit dem Stuttgarter Verfahren testen lassen, weil seine Schüler bei den Unternehmen oft nicht beliebt sind. „Das Verfahren hat den Schülern im Schnitt zwei Berufe vorgeschlagen und gezeigt, wo sie stehen. Das war für sie sehr motivierend“, so Wichmann. Sie lernten zugleich, sich besser einzuschätzen. Künftig soll es weitere Tests geben.

          Top-Kräfte mit Hauptschulabschluss

          Doch die Unternehmen müssen noch überzeugt werden, sagt Gabriela Bernauer, Leiterin des Diagnosezentrums: „Wenn sie wissen, wie das Gutachten zu werten ist, sind sie offen dafür.“ So wie Winfried Fletschinger, Ausbildungsleiter bei der K&U Bäckerei.
          „Wir haben unsere Ausbildung erneuert und das Berufsbild geschärft“, erklärt er. Mit dem Stuttgarter Test prüfe er die Potentiale von Interessenten. Eine Hauptschülerin, so sei einmal herausgekommen, hatte zwar schlechte Noten, aber im Servicebereich überrundete sie andere Bewerber. Fletschinger schaut künftig weniger auf die Noten, als auf die Testergebnisse, die er mit dem Diagnosezentrum bespricht. Er erhoffe sich viel. Bislang habe er Potenzialanalysen abgelehnt - doch das Stuttgarter Verfahren teste umfassend.

          Es gibt im deutschsprachigen Raum einige hundert Tests. Den wissenschaftlichen Leiter am Institut für Berufsprofiling und Personalpsychologie-Experten Professor Heinz Schuler lässt das kalt. Er und seine Kollegen haben nach eigener Einschätzung einen methodischen Durchbruch geschafft, der selbst den amerikanischen Arbeitsmarktbehörden nicht gelungen sei, die auf dem Gebiet der Eignungsdiagnostik sehr weit seien. Das Institut könne erstmals die Frage beantworten, welche Jobs zu welcher Person passten, unabhängig von Vorbildung und sonstigen Qualifikationen.

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