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Ehemalige Germania-Mitarbeiter : Eine Stellenbörse für das Leben nach der Fliegerei

  • -Aktualisiert am

Wer wirbt hier um wen? Stand auf der Germania-Jobbörse Bild: Matthias Lüdecke

Ehemalige Germania-Mitarbeiter suchen neue Karrieren, nachdem die Fluggesellschaft Insolvenz anmelden musste. Die Berliner Agentur der Arbeit hilft bei der Vermittlung auf einen vielversprechenden Markt.

          „Ein bisschen nach rechts drehen, bitte“, sagt die Fotografin. Die ehemalige Flugbegleiterin strafft den Oberkörper und wendet sich in die gewünschte Richtung. Sie lächelt müde. Die Kamera klickt. Die Bewerbungsfotos kann die 36 Jahre alte Frau gleich auf dem USB-Stick mitnehmen. Dass sie gleich vor Ort kostenlos Fotos machen lassen kann, ist ein Service der Agentur für Arbeit Berlin-Nord.

          In der Osterwoche hat sie die ehemaligen Mitarbeiter der gescheiterten Fluglinie Germania zu einer Jobbörse eingeladen. Im Erdgeschoss des nüchternen Bürogebäudes ist es ziemlich voll. Schlüsselanhänger und Gummibären werden verteilt, Bewerbungsmappen entgegengenommen, Telefonnummern in Listen eingetragen. An 17 Ständen präsentieren sich Arbeitgeber aus der Region. An Stellwänden hängen Jobausschreibungen – unter anderem für IT-Systemadministratoren und Maler und Lackierer für die Luftfahrt.

          Die ehemalige Flugbegleiterin hat sich schon umgehört und bei Daimler ein längeres Gespräch geführt. Bisher hat ihr noch kein Angebot zugesagt. Nun steht sie in einem Pulk ehemaliger Kolleginnen, denen anzusehen ist, dass ihr früherer Job ein korrektes Äußeres verlangte. Sauber gezupfte Augenbrauen lugen unter adrett geföhnten Pagenköpfen hervor. Die Damen lächeln freundlich, obwohl mancher wohl nicht zum Lachen zumute ist. Die ehemalige Flugbegleiterin sagt es klipp und klar: „Ich habe Panik.“

          Eine große Umstellung steht bevor

          Das Schicksal von Germania, die Anfang Februar Insolvenz anmelden musste, hat sie mitgenommen. „Bis zum Schluss haben wir gehofft, hat man uns Hoffnung gemacht“, sagt sie. Sie habe nachts wachgelegen, überlegt, was nun aus ihr wird. Nach einer Ausbildung zur Bürokauffrau habe sie sofort bei der Fluglinie angeheuert. 18 Jahre – ihr halbes Leben – war sie als Flugbegleiterin in Europa und der Mittelmeerregion unterwegs.

          Sie bezweifle, dass ein neues Angebot so spannend sein könne wie das Fliegen, sagt sie. „Das war kein normaler Job“, pflichtet ihr eine ehemalige Kollegin bei. „Wir waren jeden Tag woanders.“ Sie ist 41 Jahre alt; ihr Mann ist ebenfalls berufstätig. Mühsam hatte sie organisiert, dass ihre beiden schulpflichtigen Kinder während ihrer Arbeitszeit betreut wurden. Ihren Familienalltag muss sie nun neu planen.

          Christoph Möller, Chef der Agentur für Arbeit Berlin-Nord, macht sich viel weniger Sorgen als die ehemaligen Germania-Mitarbeiter selbst. Sein Haus hat schon gute Erfahrungen mit der Vermittlung der früheren Mitarbeiter von Air Berlin gemacht. „Wir erleben einen Arbeitsmarkt, der sehr aufnahmefähig ist“, sagt Möller. Selbst in der einstmals strukturschwachen Hauptstadtregion gebe es ausreichend Stellen im kaufmännischen Bereich und im öffentlichen Dienst.

          Bewerber aller Altersgruppen willkommen

          Schon als die Medien die Germania-Insolvenz verkündeten, hätten Headhunter den Angestellten erste Angebote unterbreitet. Die Piloten seien ohnehin gut vernetzt. Technische Mitarbeiter und Marketingfachleute würden viele Unternehmen suchen. Unter den Kabinenfachleuten fänden sich viele, die ursprünglich andere Berufe hatten und jetzt dorthin zurückkehren würden. Was soziale Kompetenzen anbelangt, haben Mitarbeiter von Fluglinien auf dem Arbeitsmarkt ohnehin einen guten Ruf. Sie gelten als „kundenorientiert und stressresistent“, sagt Möller. Darauf angesprochen, nickt die Dame am Stand der Personalvermittlung Robert Half: „Sie sind hochmotiviert zu arbeiten.“ Eine Mitarbeiterin von Daimler lobt „das technische Verständnis“ vieler ehemaliger Germania-Angestellter.

          Angesichts des entspannten Arbeitsmarktes glauben die Arbeitgeber, einiges bieten zu müssen, um Bewerber mit interessanten Abschlüssen für sich zu begeistern. Die Daimler-Mitarbeiterin etwa wirbt mit Teilzeit, Vollzeit und Homeoffice – da gebe es viele Möglichkeiten. Die Lufthansa sucht Angestellte für den Kundenservice im Schichtdienst. Bewerber aller Altersgruppen seien willkommen. Das bestätigt Möller für den gesamten Berliner Arbeitsmarkt: „Früher galten schon 48 Jahre alte Menschen als nicht mehr vermittelbar. Das ist längst nicht mehr so.“ Vielen Betrieben fehlten die Fachkräfte.

          So sieht es auch der ehemalige Fachlagerist von Germania, der sich mit Eifer auf der Jobbörse umsieht. Er ist schon 52, durchtrainiert von Jahren harter Arbeit – und voller Optimismus. Eben hat er sich bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) nach einem Job erkundigt. Dort sucht man unter anderem Müllwerker. Vorstellen könnte er sich auch eine Stelle als Hausmeister oder Fahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben. „Es tut mir ja leid für Germania“, sagt er, „aber für mich ist es okay, dass die Fliegerei vorbei ist.“

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