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Über- und Unterbeschäftigung : Paare würden lieber gleich viel arbeiten

  • Aktualisiert am

Viele Arbeitnehmer sind mit ihrer Arbeitszeit unzufrieden. 50 Prozent möchten weniger arbeiten, 12 Prozent mehr. Paare würden ihre Arbeitszeit gerne gleichmäßiger aufteilen. Bild: Picture-Alliance

Welche Arbeitszeiten wünschen sich die Deutschen? Männer Vollzeit, Frauen Teilzeit – so hieß es lange. Aber das ändert sich jetzt.

          Junge Mütter träumen von einem Teilzeitjob, während der Partner der eigentliche Brotverdiener sein soll? Solche Klischees seien endgültig überholt, sagt eine Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die am Mittwoch veröffentlicht wurde. Unabhängig vom Geschlecht würden demnach viele Teilzeitbeschäftigte gerne ihre Wochenstunden erhöhen. Vollzeitbeschäftigte möchten hingegen weniger arbeiten.

          Um auf die Arbeitszeitwünsche der deutschen Arbeitnehmer zu schließen, hat das DIW Daten aus der repräsentativen Langzeitstudie sozioökonomisches Panel ausgewertet, an der 12.000 Haushalte beteiligt sind.

          Zwar arbeiten männliche Arbeitnehmer im Mittel deutlich länger als weibliche, die Auswertung zeigt aber, dass sich die Wünsche von Frauen und Männern in vergleichbaren Arbeitssituationen nur geringfügig unterscheiden. Vollzeitbeschäftigte Frauen würden ihre durchschnittliche Arbeitszeit demnach gerne von 41,8 Stunden auf 35 Stunden reduzieren, Männer von 43,8 Stunden auf 38,7 Stunden. Bei Angestellten in Teilzeit ist der Trend umgekehrt: Hier wünschen sich sowohl Männer, als auch Frauen ihre wöchentliche Arbeitszeit um etwa eine Stunde zu erhöhen. Frauen kämen dann im Schnitt auf 24,7 Stunden, Männer auf 29,4 Stunden.

          Überbeschäftigung liegt bei mehr als 50 Prozent

          „Die Tatsache, dass die meisten Teilzeitbeschäftigten Frauen sind, verführt zu der Annahme, dass Frauen grundsätzlich gerne mehr arbeiten würden. Offensichtlich ist aber der Beschäftigungsstatus und nicht das Geschlecht ausschlaggebend“, sagt Studienautor Kai-Uwe Müller.

          Bei den befragten Paaren zeige sich außerdem, dass sie die Arbeitszeit gerne symmetrisch auf beide Partner verteilen würden. Dass einer der Partner deutlich mehr arbeiten geht als der andere, entspreche insbesondere in Ostdeutschland immer seltener ihrer Vorstellung.

          Insgesamt fühlen sich in Deutschland mehr Arbeitnehmer über- als unterbeschäftigt. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, die Arbeitszeit reduzieren zu wollen, nur rund 12 Prozent würden gerne mehr arbeiten. 

          Rollenbilder bleiben starr

          Die Gründe für die Über- oder Unterbeschäftigung sind dem DIW zufolge vielschichtig. Neben individuellen Präferenzen seien etwa der Arbeitsmarkt oder die Möglichkeiten der Kinderbetreuung ausschlaggebend. In Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit sei es generell unwahrscheinlicher, dass sich die Arbeitszeit nach den eigenen Wünschen gestalten lasse. Ebenso seien die Hürden bei geringer Qualifizierten sowie in Ostdeutschland meist höher. Und: Bestimmte Berufsgruppen wie Manager könnten schwieriger in Teilzeit arbeiten als andere.

          Nach wie vor seien jedoch auch die unterschiedlichen Rollenbilder von Männern und Frauen bedeutend: „Mit Restriktionen konfrontiert sind die Geschlechter eher dann, wenn die Arbeitszeiten nicht dem traditionellen Rollenmuster entsprechen: Männer haben eher Probleme, geeignete Teilzeit-Jobs zu finden. Für Frauen erschweren diverse Beschränkungen vor allem die Realisierung gewünschter Vollzeitstellen“, so Müller.

          Wenn sich die Arbeitszeitwünsche realisieren ließen, so die Macher der Studie, ergäbe sich folgendes Szenario: Zehn Prozent mehr, und damit Dreiviertel aller Mütter würden arbeiten; ihre wöchentliche Arbeitszeit würde zudem um 25 Prozent steigen. Männer hingegen würden ihre Arbeitsstunden um rund fünf Prozent verringern. „Selbstredend ist eine Arbeitswelt ganz ohne Restriktionen nur ein langfristiges Ideal, das neben einer drastisch verbesserten Kinderbetreuung auch Umwälzungen der Arbeitskultur und der Zeitflexibilität in Unternehmen erfordert“, so die Autoren. „Aber das Beschäftigungspotential, das auf diese Weise freigesetzt würde, wäre enorm.“

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