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Diplomatenausbildung : Die Welt als Arbeitsplatz

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Feierabend per Gesetz abgeschafft: Immer im Dienst im Auswärtigen Dienst Bild: F.A.Z. - Christian Thiel

In einem Waldstück vor Berlin schickt das Auswärtige Amt Deutschlands künftige Diplomaten durch eine harte Schule. Danach winkt ein Arbeitsplatz in New York, Tokio oder Kabul. Und ein Job, in dem nichts unmöglich ist.

          In etwa einem Jahr wird Stefan Biedermann eine Weltkarte an die Wand hängen. Gemeinsam mit seiner Frau und den zwei Kindern wird er dann die Kontinente mit dem Finger abfahren: Wie wäre es, in Australien zu leben? Oder in Südamerika? In den Vereinigten Staaten war er auch nicht - zumindest nicht für länger. Oder vielleicht nach Japan? Die Welt wirkt klein, wenn vieles möglich ist und zwischen Berlin und Washington nur eine Handspanne paßt. Er muß abwägen: Wo können die Kinder eine gute Schule besuchen? Was wird die Familie in dem Land erwarten? Dann wird er entscheiden und hoffen, daß sich sein Wunsch erfüllt. Wo er in drei Jahren leben wird, weiß er nicht.

          Biedermann sieht das gelassen. An diesem Vormittag sitzt er ziemlich entspannt auf einer Ledercouch in der "kleinen Villa", dem Rektorsgebäude mit Botschaftsflair auf dem Ausbildungsgelände des Auswärtigen Amtes in Berlin-Tegel. Seit Juni ist der 45jährige aus Kamerun nach Berlin zurückgekehrt, um nach drei Jahren als stellvertretender Leiter der Botschaft wieder einen Posten im Inland anzutreten. "Um mal wieder näher am Puls der deutschen Politik sein", wie er sagt. Seither ist er Leiter der Diplomatenschule in Berlin und damit zuständig für all jene, die einmal wie er Deutschland in der Welt vertreten wollen. Allerdings nur für drei Jahre. Dann wird er seinen Sessel wieder räumen - und wieder an eine deutsche Botschaft im Ausland wechseln. So wollen es die Gesetze des höheren Auswärtigen Dienstes.

          Mehr als tausend Bewerber jedes Jahr

          Mehr als tausend Bewerber melden sich jedes Jahr zu den Prüfungen für die Laufbahn des höheren Auswärtigen Dienstes, an deren Ende eine Stelle als Botschafter oder Generalkonsul winkt. Rund 120 von ihnen bestehen den schriftlichen Test und dürfen zu den zweitägigen Vorstellungsgesprächen antreten, in denen die besten 35 eines Jahres ausgewählt werden. Die Besten kommen dann für ein Jahr auf die Diplomatenschule nach Tegel, während dieser Zeit führen sie den Titel Attaché (männlich) und Attachée (weiblich). Dabei durchlaufen sie eine harte Schule: Unterricht bis in die Abendstunden, Klausuren, mündliche Prüfungen, wöchentliche Sprachkurse in Französisch und Englisch. Dazu kommen Volkswirtschaftskurse, in denen die künftigen Diplomaten unter anderem lernen, warum das Außenhandelsdefizit der Vereinigten Staaten den Dollarkurs drückt.

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          Viele Schüler wohnen daher gleich auf dem Schulgelände, das idyllisch in einem Waldstück vor den Toren Berlins liegt, mit Blick auf den Tegeler See. Damit sie vor lauter Idylle die Welt nicht aus den Augen verlieren, heißen die Gebäude wie die Kontinente: Das Seminargebäude mit den großen Glasfenstern trägt den Namen "Europa", am Haupteingang steht das kleine Haus "Antarktis", das Wohnheim der Studenten heißt: "Afrika". Maria Adebar wohnt seit Mai in Afrika. Die junge Attachée trägt an diesem Morgen einen grauen Hosenanzug, und wenn sie redet, wirkt sie freundlich, kontrolliert, fast schon diplomatisch. Adebar ist 31, hat nach dem Abitur ein Au-pair-Jahr in Paris gemacht, anschließend Jura mit Schwerpunkt Völkerrecht studiert, ein Praktikum in Brüssel und ein Erasmus-Jahr in Italien eingeschoben, bei den Vereinten Nationen in New York hospitiert und ein Praktikum in der Zentrale des Auswärtigen Amts absolviert. Wenn sie mit der Diplomatenschule fertig ist, will sie vorerst in Berlin bleiben. Danach aber will sie ins Ausland gehen, vielleicht nach Brüssel, weil ihr "multilaterales Verhandeln" liegt. "Ich freue mich auf das Abenteuer, das kommt", sagt sie. Angst vor der ungewissen Zukunft hat sie keine: "Man darf halt nicht zuviel planen." Der höhere Auswärtige Dienst sei eben ein Beruf, bei dem man sich auf vieles einstellen müsse.

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