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Die beliebtesten Ziele (5) : Königreich für Mutige

Den Lockruf der Londoner City hören auch viele Deutsche Bild: Daniel Pilar

Immer mehr Deutsche zieht es nach Großbritannien. Die Chancen für einen Job auf der Insel stehen gut, der Arbeitsmarkt birgt aber auch Risiken. Und die Alltagswelt hält zahlreiche Überraschungen bereit.

          Nichts hält sich so zäh wie ein Vorurteil. Wer beispielsweise neu nach Großbritannien kommt, beschwert sich über das weiche Brot und das schlechte Wetter - bis er feststellt, dass es hier unzählige Brotsorten gibt. Die Zahl der Regentage liegt sogar auf mediterranem Niveau. Wer länger dort lebt, hat andere Sorgen: das marode Gesundheitssystem, das tägliche Verkehrschaos, Linksverkehr, die für Kontinentaleuropäer immens hohen Lebenshaltungskosten. Trotzdem zieht es jedes Jahr Hunderttausende Arbeitsuchende nach Großbritannien. Das etwas langsamere Wirtschaftswachstum und die zuletzt auf 5,5 Prozent gestiegene Arbeitslosigkeit haben daran nichts geändert. Vor allem Osteuropäer versuchen derzeit auf der Insel ihr Glück, aber auch auf die Deutschen hat sie eine ungebrochene Anziehungskraft. In der Liste der beliebtesten ausländischen Arbeitsorte rangiert Großbritannien an fünfter Stelle hinter der Schweiz, Österreich, den Niederlanden und Norwegen.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Die Chancen, auf dem britischen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, stehen gut. In einer Umfrage des Industrieverbands CBI bezeichneten zwei Drittel der befragten Unternehmen den Fachkräftemangel als größtes Hindernis für den wirtschaftlichen Erfolg. Jeder zweite Betrieb beschäftigt Arbeitskräfte aus dem EU-Ausland, 37 Prozent aus Ländern außerhalb der Europäischen Union.

          Rekordboni locken wieder Finanzfachleute

          "Gute Karten haben vor allem Naturwissenschaftler, Mathematiker und Ingenieure", erklärt Minakshi Roy, Senior Policy Adviser im Industrieverband. Derzeit verließen weit weniger Briten mit diesen Qualifikationen die Universitäten, als gebraucht würden. Auch an Mitarbeitern mit guten Fremdsprachenkenntnissen mangele es. Zu den Branchen mit dem höchsten Personalbedarf gehörten der Energiesektor, die Bauwirtschaft, Rechtsanwaltskanzleien, Beratungsfirmen, der Handel und die Immobilienwirtschaft. Die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit attestiert außerdem Handwerkern und Sozialpädagogen gute Aussichten auf Arbeit in Großbritannien. Letztere sind so gesucht, dass die europäischen Eures-Arbeitsvermittler vor kurzem eine eigene Jobmesse nur für diese Berufsgruppe organisierten.

          Wie viele Deutsche in Großbritannien arbeiten, ist statistisch nicht erfasst, weil die Briten keine Meldepflicht kennen. Zu den größten Gruppen gehörten Ärzte, Architekten und Hotelfachkräfte, sagt Armin Jungbluth, Sozialreferent der Deutschen Botschaft in London. Sie erhofften sich angesichts der angespannten Arbeitsmarktlage in der Heimat eine bessere Zukunft. Seit eineinhalb Jahren zieht der Börsenplatz London auch wieder Finanzfachleute an. Die derzeitige Champagnerlaune in der Londoner City angesichts von Rekordbonuszahlungen dürfte diesen Zustrom noch verstärken. Illusionen über leicht verdientes Geld darf man sich jedoch nicht hingeben. "In London muss man härter arbeiten und trägt ein höheres Risiko, wird dafür aber auch höher belohnt", fasst ein Investmentbanker zusammen.

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