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Die beliebtesten Ziele (4) : Wien hat zwei Gesichter

Ein Ort, an dem Österreicher ihr Klassenbewußtsein ausleben können: Das Kaffeehaus Bild: picture-alliance / dpa

Rechtlich gibt es kaum Fallstricke für die 57.000 Deutschen, die in Österreich leben und arbeiten. Der Arbeitsmarkt boomt, die EU erleichtert einen schnellen Berufsstart. Statt dessen muß der „Piefke“ soziale Hürden nehmen.

          Skifahren und Wandern sind eine Sache. Dafür heißt Österreich Deutsche schon lange Zeit willkommen. Im Gegensatz zu früher ist die Alpenrepublik aber nicht nur zum Urlauben beliebt. Immer mehr Arbeitskräfte und Studenten siedeln sich zwischen Bregenz und Eisenstadt an, derzeit leben und arbeiten fast 57.000 Deutsche in Österreich.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Ihre Anzahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt. Damit stellen sie die zweitgrößte Gruppe unter den Immigranten, noch vor den Türken und hinter Bürgern des ehemaligen Jugoslawien. Vor allem in Fremdenverkehrsberufen, im Bauwesen, im Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen sowie im Bereich unternehmensbezogener Dienstleistungen sind Deutsche zu finden.

          Deutsche Dienstleister gesucht
          Hier finden sie auch die meisten offenen Stellen - und es dürften mehr werden. Denn das wirtschaftspolitische Umfeld in Österreich ist so gut wie seit 25 Jahren nicht mehr. Die Arbeitslosenquote fällt im internationalen Vergleich mit rund 5 Prozent niedrig aus. Bis 2008 werden nach Einschätzung von Fachleuten rund 111.000 zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten geschaffen.

          Das gilt vor allem für den Dienstleistungssektor: Für das Gesundheits- und Sozialwesen meldet der staatliche Arbeitsmarktservice (AMS) einen breitgefächerten Bedarf an Fachkräften.

          Davon können die Deutschen problemlos profitieren: Da Österreich Mitglied der EU ist, können sie sich hier ohne Arbeitsbewilligung niederlassen. Für die meisten Tätigkeiten ist auch unerheblich, ob ein Ausbildungs- oder Studienabschluß anerkannt ist. Nur bei Berufen mit staatlicher Zulassung - wie etwa Arzt oder Lehrer - sollte die Anerkennung geklärt sein, bevor man sich bewirbt, rät die Bundesagentur für Arbeit. Nicht immer wird der potentielle Arbeitgeber wissen, was sich hinter einer deutschen Ausbildung und ihrem Namen verbirgt.

          Ösis bleiben unter sich

          Auch finanziell ist die Arbeit in Österreich kein Abstieg, die Gehälter und Lebenshaltungskosten sind vergleichbar mit den deutschen. Einen gesetzlich festgelegten Mindestlohn gibt es nicht. Allerdings fällt der Kündigungsschutz im Vergleich zu Deutschland deutlich schlechter aus. Arbeitslosengeld wird ein halbes Jahr nach dem Jobverlust in Höhe von 55 Prozent des letztjährigen Nettobezugs gezahlt.

          Die Zahlen zeigen: Wer einmal in Österreich war, geht ungern weg. Denn die Lebensqualität ist dank eines riesigen Kulturangebots, guten Ausbildungsstätten und einer intakten Umwelt sehr hoch. Ungeachtet dessen muß sich der Großteil internationaler Führungskräfte meist mit Sozialkontakten in der internationalen Gemeinde begnügen. Denn die Österreicher bleiben gerne unter sich.

          Im Kontakt zu Ausländern geben sich die Alpenbewohner gerne höflich und vermeiden dabei, direkt und verbindlich zu sein. Für Nichteingeweihte ist das oft mißverständlich. Wien ist deshalb nicht nur für manchen Neuling eine Vexierstadt, die zwischenmenschliche Herzlichkeit bloß vorgaukelt. Jedem Fremden ist anzuraten, sich in diesem Spiegelkabinett äußerst vorsichtig zu verhalten.

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