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Lokführer in Abu Dhabi : Mit dem Monster-Zug durch die Wüste

  • -Aktualisiert am

Keine arabische Mauer, sondern tatsächlich ein Güterzug, der sich auf fast zwei Kilometern Länge durch die Wüste Abu Dhabis schlängelt. Bild: DB Schenker Rail

Wie fühlt es sich an, 15.000 Tonnen durch Abu Dhabi zu steuern? Ein deutscher Lokführer der Bahn weiß es: Seit fast einem Jahr fährt er kilometerlange Güterzüge durch glühend heiße Wüstengebiete.

          Christian Jobst kennt kein Heimweh. Die Probe aufs Exempel hat er 2012 gemacht. Da ging er in sechs Monaten den 3500 Kilometer langen Appalachian Trail in den Vereinigten Staaten entlang, einen der längsten Wanderwege der Welt. „Prägend“, sagt er heute. Gerade macht er auch wieder Urlaub - allerdings in Deutschland. Denn seit August 2013 lebt und arbeitet der 30-Jährige in Abu Dhabi, dem größten der sieben Vereinigten Arabischen Emirate. Nach einer dreijährigen Ausbildung in Köln ist Jobst seit 2003 Lokführer bei der Deutschen Bahn. Auslandserfahrung sammelt er privat, nicht beruflich.

          Bis er im Mai 2013 die Chance bekommt, nach Abu Dhabi zu gehen. Über eine interne Ausschreibung sucht die Bahn acht Lokführer für ein Gemeinschaftsunternehmen mit Etihad Rail, der 2009 gegründeten Eisenbahnentwicklungs- und Betriebsgesellschaft der Emirate. Das bislang nur partiell ausgebaute Eisenbahnnetz soll geschlossen, die Wirtschaftszentren und Häfen der Emirate auf 1200 Schienenkilometern miteinander verbunden werden.

          Erfahrenes Personal aus Europa soll die Strecken zunächst betreiben und befahren und später Einheimische anlernen. Da das Projekt auf Englisch abgewickelt wird, ist DB Schenker Rail UK der Koordinator. In dem sechswöchigen Bewerbungsprozess werden Jobst und sieben weitere Kollegen aus rund 180 Bewerbern ausgewählt. Jobst ist der einzige Deutsche, die anderen Lokführer kommen aus England - das halbe Jahr in Amerika hat sich auch sprachlich gelohnt. „Ich habe keinen Moment gezögert mit der Zusage“, sagt Jobst. „Ich habe Lust auf Abenteuer.“

          Eine 190-Tonnen-Lok unter dem Hintern? „Bombastisch!“

          Für das Abenteuer Abu Dhabi ist er gut geeignet, denn er ist jung, Single, hat keine Kinder, ist also maximal flexibel. Das muss er auch sein, denn im Juli 2013 fährt er zum ersten Mal nach Abu Dhabi und macht sich mit der Arbeit vor Ort vertraut. Im September gibt er seinem Arbeitgeber das Okay, er will einen Entsendevertrag. Einen Monat später beantragt er eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für die Emirate und beschließt, seinen Wohnsitz in Deutschland aufzugeben. Im November beginnt seine Arbeit.

          Seine schnelle Entscheidungsfreude sei aber nicht das einzige Plus, das ihn für die Arbeit in den Emiraten qualifiziere, sagt Jobst: „Ich komme mit widrigen Umständen gut zurecht.“ Und das sind in Abu Dhabi vor allem die klimatischen Bedingungen: Temperaturen bis zu 50 Grad und hohe Luftfeuchtigkeit sind in dem Land am persischen Golf, das fast vollständig aus Sandwüsten besteht, im Sommer keine Seltenheit. Und selbst der 3500-Kilometer-Wanderer Jobst, der hart im Nehmen ist, erinnert sich an den Moment, in dem er in Abu Dhabi aus dem Flugzeug stieg. „Ich war geschockt, wie warm es wirklich ist“, sagt er. Wandern ist nur im kühleren, weil höher gelegenen Hadschar-Gebirge im Oman angenehm, Radfahren nicht nur wegen der Hitze schwierig: In Abu Dhabi gibt es keine Radwege, der Verkehr auf den meist mehrspurigen Straßen ist sehr dicht.

          Und selbst für einen sportlichen Mann wie Jobst wäre es zu weit, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Denn er wohnt in einem Appartement in Abu Dhabi (die Hauptstadt Abu Dhabis und gleichzeitig der Vereinigten Arabischen Emirate heißt ebenfalls Abu Dhabi), sein Arbeitsplatz liegt jedoch in Mirfa, etwa 150 Kilometer westlich in Richtung Saudi-Arabien. Nach den Wochenenden fährt Jobst deshalb mit dem Auto zur Arbeit, etwa 90 Minuten dauert die Fahrt nach Mirfa, wo er und seine Kollegen unter der Woche in einem Hotel wohnen. Der erste Arbeitstag der Woche ist in den Emiraten der Sonntag, um sechs Uhr morgens beginnt Jobst mit der Arbeit, acht Stunden am Tag, fünf Tage die Woche, keine Überstunden. Eine durchschnittliche deutsche Arbeitswoche also auch in Abu Dhabi.

          Er würde für immer bleiben, wenn das nur ginge

          Dafür ist die Arbeit, die Jobst dort macht, völlig anders. Die Loks, mit denen er fährt, erinnern nicht an deutsche Triebfahrzeuge, sondern an Maschinen, die durch amerikanisches Niemandsland donnern. Kein Zufall, sie stammen auch aus den Vereinigten Staaten. Auf Fotos, die Jobst vor Ort gemacht hat, ist sein Auto neben solch einer Monster-Lok zu sehen - es wirkt wie ein Spielzeugauto. Etwa sechs Stufen muss der Fahrer erklimmen, bis er das Führerhaus geentert hat, es dauert Stunden, um den 10.000-Liter-Tank der rund 190 Tonnen schweren Lok zu füllen.

          Während in Deutschland Güterzüge maximal 740 Meter lang sind, nie mehr als 5000 Tonnen wiegen und von ein bis zwei Loks gezogen werden, steuert Jobst nun Züge mit drei Triebfahrzeugen, einem Gewicht von gut 15.000 Tonnen und bis zu 1,6 Kilometer Länge. Bei seiner ersten Fahrt Mitte 2013 ist er noch etwas überfordert mit den vielen neuen Fachbegriffen in der „Amtssprache Englisch“ und der zunächst fremden Technik.

          Doch schon im August fährt er allein zum Tanken. Wie sich die Jungfernfahrt anfühlte? „Bombastisch“, sagt er heute. Jobst gefällt seine Arbeit noch immer gut. Auch nach den zunächst drei angepeilten Jahren will er weiter in den Emiraten leben und arbeiten. Das könnte klappen, der Bedarf an Personal ist da. An das Klima hat er sich gewöhnt. Für immer bleiben kann er allerdings nicht: Einbürgern werden ihn die Emirate nach dem derzeitigen Stand der Gesetze nie. Aber durch das gute Gehalt und den Umstand, dass er in den Emiraten wenig Steuern zahlen muss, kann er für Reisen sparen. Vielleicht geht die erste dann nach Amerika, das Geburtsland seiner Loks.

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