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Schwächeres Wachstum : Kurzarbeit als Vorbotin des Abschwungs

Produktion im Daimler-Werk Rastatt Bild: dpa

Viele Autohersteller oder Chemieunternehmen wollen ihre Arbeitnehmer in den kommenden Monaten in Kurzarbeit schicken. Folgen bald Entlassungen?

          Die gute Nachricht zuerst: Die Kurzarbeit bewegt sich in Deutschland nach wie vor auf niedrigem Niveau. Jüngsten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zufolge bezogen im April 44.000 Arbeitnehmer das sogenannte konjunkturelle Kurzarbeitergeld. Das waren zwar mehr als ein Jahr zuvor, aber immer noch erst 0,1 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Zum Vergleich: Im Krisenjahr 2009 waren zeitweise mehr als 1,4 Millionen Arbeitnehmer in Kurzarbeit tätig.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          In der deutschen Industrie ist der Anteil der betroffenen Unternehmen in einigen Branchen inzwischen allerdings recht hoch. Und: Schlüsselindustrien wie zum Beispiel die Automobilbranche rechnen damit, dass sie in den kommenden drei Monaten stärker auf dieses Instrument zurückgreifen müssen. Das geht aus einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage des Münchner Ifo-Instituts hervor.

          Auch im Maschinenbau und der Chemie dürfte der Anteil der Kurzarbeit steigen, sagte Timo Wollmershäuser, Leiter der Konjunkturforschung am Ifo-Institut. Die schlechten Nachrichten aus diesen Branchen häufen sich derzeit. Erst am Montagabend hatte der Chemiekonzern BASF seine Gewinnerwartungen für dieses Jahr deutlich nach unten korrigiert.

          Wollmershäuser sprach von einem „spürbaren Anstieg“ der Kurzarbeit im Verarbeitenden Gewerbe, der sich bislang allerdings auf acht Branchen konzentriert. Alle anderen lägen klar darunter oder hätten derzeit noch gar keine Kurzarbeit. Besorgniserregend ist die Entwicklung seiner Einschätzung nach nicht. Sie zeige, dass die konjunkturelle Abschwächung in der deutschen Industrie mittlerweile am Arbeitsmarkt angekommen sei, sagte er.

          Nicht gedacht, um Entlassungen zu verhindern

          Grundsätzlich dient Kurzarbeit dazu, in einer konjunkturellen Flaute Entlassungen zu vermeiden. Stattdessen kürzen die Unternehmen Arbeitszeit und Gehalt ihrer Beschäftigten, für 60 bis 67 Prozent des Lohnausfalls springt die Arbeitslosenkasse ein. Die Voraussetzungen sind allerdings recht streng. Die Betriebe müssen zuvor selbst einiges tun, um den Arbeitsausfall zu verhindern, etwa indem Überstunden abgebaut werden. Zudem muss absehbar sein, dass es sich um einen vorübergehenden Produktionsausfall handelt. Kurzarbeit ist nicht dafür gedacht, Entlassungen zu verhindern, die andernfalls unumgänglich wären.

          Im Verarbeitenden Gewerbe befinden sich der Ifo-Umfrage zufolge aktuell 3,8 Prozent der Unternehmen in Kurzarbeit. In den kommenden drei Monaten könnte der Anteil auf 8,5 Prozent steigen. Besonders betroffen ist schon jetzt der „Sonstige Fahrzeugbau“ – gemeint sind Hersteller von Schiffen, Zügen, Luft- und Raumfahrzeugen, Panzern sowie von Motor- und Fahrrädern. Hier führen momentan 30 Prozent der Unternehmen Kurzarbeit (siehe Grafik). Unter den Textilherstellern sind es 25 Prozent, im Maschinenbau und der Automobilbranche immerhin jeweils 7 Prozent.

          Beratungsbedarf scheint zu steigen

          Die beiden letztgenannten Wirtschaftszweige rechnen in den kommenden drei Monaten mit einem Anstieg: Auf 16 Prozent in der Automobilindustrie und auf 11 Prozent im Maschinenbau. Aus diesen beiden Branchen kamen die schlechten Nachrichten in der vergangenen Woche gleich im Doppelpack. Sowohl die Maschinenbauer als auch die Autohersteller korrigierten ihre Prognosen für das laufende Jahr nach unten. Beide gehen nun sogar von einem Minus aus. Anders sieht es in der Chemiebranche aus: Hier rechnen in den kommenden drei Monaten „nur“ 2 Prozent der Unternehmen mit Kurzarbeit.

          Tatsächlich melden inzwischen wieder etwas mehr Unternehmen Kurzarbeit bei der Bundesagentur für Arbeit an. Bevor ein Unternehmen Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken an, muss es den voraussichtlichen Arbeitszeitausfall bei der Behörde anzeigen. Im Mai wurde für 23.000 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet, im April für 24.000 und im März für 16.000.

          Die Bundesagentur für Arbeit weist aber darauf hin, dass es auch vorsorgliche Anzeigen gibt: Nicht alle Betriebe, die sich melden, nutzen das Instrument dann tatsächlich. Der Beratungsbedarf der Unternehmen scheint aber zu steigen – das melden zumindest die 156 Arbeitsagenturen im Land der Zentrale in Nürnberg.

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