https://www.faz.net/-gyl-87bm5

Kurze Jahresarbeitszeit : Fleißige Deutsche? Von wegen!

Viel Urlaub? Ja. Aber auch viel Teilzeit. Bild: dpa

In keinem anderen Industrieland auf der Welt arbeiten die Menschen jährlich so wenige Stunden wie in Deutschland. Das hat die OECD abermals bestätigt. Ist der „fleißige Deutsche“ ein Mythos?

          Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Deutschland hat im vergangenen Jahr 1302 Stunden gearbeitet. Das sind zwar 11 Stunden mehr als im Jahr 2013 - trotzdem war es die kürzeste durchschnittliche Jahresarbeitszeit aller erfassten Industrieländer. Das zeigen neue Vergleichsdaten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die von 34 Staaten getragen wird. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in Mexiko war im vergangenen Jahr demgegenüber 2327 Stunden lang berufstätig, also gut 1000 Stunden mehr. Schon in den vergangenen Jahren hatte Deutschland in der Rangliste regelmäßig den letzten Platz gehabt.

          Dietrich Creutzburg

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Dies hat indes nicht in erster Linie damit zu tun, dass deutsche Arbeitnehmer etwa besonders gerne den Müßiggang pflegen würden. Vielmehr spielt auch die Verbreitung von Teilzeitarbeit eine große Rolle, denn die Statistik erfasst nicht nur die Vollzeitbeschäftigten, sondern alle Arbeitnehmer. Wo der Anteil der Teilzeitbeschäftigten hoch ist, fällt deshalb die durchschnittliche Jahresarbeitszeit niedriger aus - selbst wenn insgesamt sehr viele Menschen erwerbstätig sind. Umgekehrt sorgt eine niedrige Teilzeitquote auch dann für eine hohe rechnerische Jahresarbeitszeit, wenn zugleich viele Menschen arbeitslos sind. Deutschland zählt mit einer Teilzeitquote von 27 Prozent zur Spitzengruppe in Europa.

          In der neuen OECD-Rangliste der Jahresarbeitszeiten liegen die Niederlande mit durchschnittlich 1347 Stunden je Arbeitnehmer auf dem zweitletzten Platz, Frankreich mit 1387 Stunden auf dem drittletzten. Etwas weiter vorn liegen Österreich und Italien mit gut 1480 Stunden. Arbeitnehmer in Spanien und Großbritannien arbeiten im Durchschnitt rund 1650 Stunden. In den Vereinigten Staaten sind es knapp 1800 Stunden und in Polen sogar 1885 Stunden.

          Viele Urlaubs- und Feiertage

          Abgesehen vom Faktor Teilzeitarbeit, hängt die durchschnittliche Jahresarbeitszeit freilich auch davon ab, wie viele Urlaubs- und Feiertage es in einem Land gibt. Hierzu hatten bayerischen Arbeitgeberverbände jüngst einen Vergleich vorgelegt, demzufolge die Beschäftigten der deutschen Metall- und Elektroindustrie im internationalen Vergleich besonders viele bezahlte freie Tage haben - einerseits 30 Tage tariflichen Jahresurlaub, andererseits durchschnittlich 10 Feiertage, die auf einen Werktag fallen. Damit führte Deutschland diese Rangliste vor Dänemark an; dort war allerdings Frankreich wegen fehlender Vergleichsdaten nicht enthalten.

          Betrachtet man stattdessen die durchschnittliche Wochenarbeitszeit vollzeitbeschäftigter Arbeitnehmer, dann liegt Deutschland nicht mehr am Ende der Fleißskala, sondern im unteren Mittelfeld: Durchschnittlich 39,8 Stunden Arbeit je Woche stehen für hiesige Vollzeitkräfte zu Buche. In dieser Disziplin liegen Dänemark (37,3 Stunden) und die Niederlande (37,4) am unteren Ende. Für Frankreich weist die OECD 38,9 Stunden aus. Knapp vor Deutschland steht Spanien mit 40 Stunden, weiter oben finden sich die Vereinigten Staaten und Großbritannien mit 42 Stunden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Aufnahme aus der U-Bahn-Station Westfriedhof in München: Kommt die Zukunft der Mobilität einfach nicht, oder rast sie längst an uns vorbei?

          Verkehrspolitik : Wir brauchen mehr Tempo

          Die Debatte ums Tempolimit übertönt die wirklich wichtigen Fragen der Verkehrspolitik: Wo sind denn die neuen futuristischen Züge, die gestresste Raser und müde Lkw-Fahrer auf die Schiene locken?

          Prozess zu Messerattacke : Wofür Chemnitz steht

          Auch Chemnitz sitzt beim Strafprozess um den gewaltsamen Tod eines Deutsch-Kubaners gleichsam auf der Anklagebank. Es gibt aber keinen Grund, von vermeintlich größter moralischer Höhe auf die armen Brüder und Schwestern im Osten zu blicken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.