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Start-ups und Gig-Economy : Immer zu Diensten

Selbständig oder angestellt? Essenskuriere sind eine neue Berufsgruppe. Bild: Matthias Luedecke

Plattformen wie der Essenslieferant Deliveroo oder das Putzkräfteunternehmen Helpling vermitteln selbständige Arbeitskräfte. Aber wie diese dann abgesichert sind, ist häufig unklar. Wie reguliert man eine komplett neue Berufsgruppe?

          Wer Unterstützung im Haushalt benötigt, eine Pflegekraft für die Oma sucht oder sich einfach nur eine Pizza liefern lassen möchte, wird heute schnell fündig. Nach dem Vorbild des amerikanischen Fahrtenvermittlers Uber sind unzählige Internetplattformen entstanden, die uns den Alltag erleichtern. Investoren setzen große Hoffnungen in diese Start-ups, weil sie in der Regel vor allem mit selbständigen Arbeitskräften zusammenarbeiten und so Kosten sparen, Sozialabgaben etwa zahlen sie üblicherweise nicht. Ob sich daran nicht etwas ändern müsste, darüber ist nun allerdings eine Debatte entbrannt – in der vieles durcheinandergeht.

          Britta Beeger

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Angefangen hat alles im Jahr 2009, als sich Uber vom kalifornischen San Francisco aus aufmachte, die Welt zu erobern. Uber hat in vielen Ländern die Art revolutioniert, wie wir von A nach B kommen: nicht mehr im Taxi, sondern im Auto von Privatleuten. Im Umkehrschluss hieß das: Jeder konnte – ein paar Nachweise vorausgesetzt – Fahrer für Uber werden und sich so etwas dazuverdienen. Die Idee verfing. Bald gründeten sich weitere Start-ups, die Putzkräfte suchten, Essenslieferanten und Menschen, die anderen die gewaschenen Hemden bringen. Bekannt wurde das Phänomen unter dem Begriff „Gig-Economy“, weil die Arbeitskräfte in aller Regel je Auftrag („Gig“) bezahlt werden.

          Mit etwas Verzögerung schwappte der Trend nach Deutschland, wenngleich das Phänomen hierzulande viel weniger verbreitet ist. Auf unter 1 Prozent der Erwachsenen taxierte das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) kürzlich die Zahl derer, die Arbeitsaufträge über das Internet oder eine App akquirieren. Doch auch in Deutschland gibt es Unternehmen wie das Putzkräfteportal Helpling, den Essenslieferdienst Deliveroo oder das Pflege-Start-up Careship, die mit selbständigen Arbeitskräften zusammenarbeiten. Fachleute gehen davon aus, dass deren Zahl künftig eher noch zunimmt.

          Reine Vermittler? Oder Arbeitgeber?

          Die Frage ist: Sind diese Plattformen wirklich reine Vermittler, die Kunden und Dienstleister zusammenbringen, wie sie behaupten? Oder sind sie als Arbeitgeber anzusehen, als welche sie Sozialabgaben zahlen müssten? „Hierauf müssen wir bald eine Antwort finden“, sagt IZA-Arbeitsmarktfachmann Holger Bonin. „Das ist wichtig auch für die Entscheidung, ob und wie wir diese Plattformen regulieren.“

          Bonin sieht durchaus Gründe dafür, die Position der Plattformen zu hinterfragen. So regele beispielsweise Uber alle Vertragsdetails, indem es etwa die Preise für die Fahrten festlege. Mit den Bewertungen der Fahrgäste erhielten die Fahrer zudem über die Plattform eine Reputation, die nur auf diesem Weg entstehen könne. „So kommt es automatisch zu einer regelmäßigen Beziehung zwischen Uber und den Fahrern“, sagt Bonin – eines der Kriterien für Scheinselbständigkeit. Eine Rolle spielt auch, ob die Arbeitskräfte noch weitere Auftraggeber haben und inwieweit sie an die Weisungen eines Unternehmens gebunden sind, etwa wann und wie oft sie arbeiten.

          Uber hat sich – wie viele andere Start-ups – immer mit Händen und Füßen dagegen gewehrt, ein Arbeitgeber zu sein, allerdings nicht immer mit Erfolg. Vor einiger Zeit legte der Fahrtenvermittler in den Vereinigten Staaten mit einer Zahlung von 100 Millionen Dollar mehrere Klagen mit einem Vergleich bei. Auch der Europäische Gerichtshof hat kürzlich geurteilt, dass Uber ein Taxi-Unternehmen sei. Das Argument: Uber vermittle nicht nur, sondern biete die innerstädtischen Fahrten über seine Software selbst an. Fahrer und Passagier bräuchten beide zwingend die App.

          Absicherung ist ein Problem

          Ob sie fürchten, dass ihr Geschäftsmodell in der jetzigen Form bald nicht mehr zu halten ist, darüber wollen Start-ups in Deutschland ungern sprechen. Zwar sehe er großen Handlungsbedarf bei der Absicherung der Solo-Selbständigen in Deutschland, sagt Benedikt Franke, Mitgründer des Portals Helpling. Solo-Selbständige sind Selbständige ohne weitere Arbeitnehmer, die man oft auf solchen Plattformen findet; Kioskbesitzer oder Friseure können aber ebenfalls darunter fallen. Solo-Selbständige gelten als besonders armutsgefährdet. „Dieses Problem besteht aber völlig unabhängig von digitalen Plattformen“, sagt Franke.

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