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Handwerk : Azubi für eine Woche

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In Aktion: Nicole Makarova und Marie Scholz bei Berliner Glas Bild: Andreas Müller

Viele Lehrstellen bleiben frei; das Handwerk hat ein Imageproblem. Was tun? Vielleicht einfach mal die Berufe ausprobieren, über die Jugendliche oft herzlich wenig wissen?

          Ob sie tatsächlich eine Ausbildung zur Feinoptikerin beginnen wird, das weiß Nicole Makarova nicht. Nach fünf Tagen in der Ausbildungswerkstatt von Berliner Glas ist die 17 Jahre alte Schülerin jedoch voll des Lobes über das mittelständische Unternehmen. Es stellt nicht etwa Brillen her, sondern Glasobjekte für die Industrie. Das Betriebsklima sei gut, lobt Makarova. Die Ausbilder würden die Azubis unterstützen und seien stets offen für Fragen. „In anderen Betrieben, wo ich Schülerpraktika gemacht habe, war das zum Teil nicht so“, sagt die junge Frau und erzählt, dass sich der Chef dort von den Mitarbeitern zurückgezogen habe.

          Nicole Makarovas Arbeitsaufenthalt bei Berliner Glas hat ein Sozialunternehmen namens One Week Experience organisiert. Es wurde vor zwei Jahren von Svanja Kleemann gegründet, einer Absolventin der Hertie School of Governance in Berlin. Die 31 Jahre alte Frau und ihr Team unterstützen Betriebe dabei, den begehrten Nachwuchs zu finden. „Nur eine Handvoll Unternehmen sind den Jugendlichen als Marke bekannt – oder weil sie ab und zu an dem Betrieb vorbeilaufen“, sagt sie.

          Bislang haben 600 Jugendliche teilgenommen, fünf Tage dauert eine solche Erfahrung. Für das Programm „One Week Azubi“ – es gibt auch noch „One Week Student“ – sind neben Berliner Glas unter anderem der Recyclingexperte Alba, der Energieversorger Gasag und die Großbäckerei Harry im Angebot. Insgesamt sind es zwölf Unternehmen, die meisten mit Sitz in der Hauptstadt. Der Termin kann mit dem Betrieb während des gesamten Jahres vereinbart werden, anders als bei Schülerpraktika, für die oft bestimmte Zeitspannen vorgesehen sind und die auch länger dauern.

          Auf Augenhöhe reden

          Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass One Week Experience für Unternehmen Bewerbungen sichtet, die über die Website eingehen, und die Kommunikation mit den Interessenten übernimmt. Azubis, die schon in dem jeweiligen Betrieb tätig sind, fungieren als Gastgeber für die Jugendlichen. Die Idee dahinter ist, dass die Jugendlichen auf Augenhöhe reden, die Gäste sich trauen, alle Fragen zu stellen, die sie bewegen. „Für die Azubis ist das eine schöne Sache, weil sie Verantwortung lernen“, sagt Anett Müller, Personalverantwortliche bei Berliner Glas. „Es macht ihnen Spaß, ihr Wissen weiterzugeben.“

          Nicole Makarova hat mit der 23 Jahre alten Auszubildenden Marie Scholz an einer Lupe gearbeitet, die sie am Ende mit nach Hause nehmen durfte. Scholz hat ihr gezeigt, wie man Glas poliert, hat ihr die Ausbildungswerkstatt erklärt, sie in die Kantine mitgenommen. Stephan Giese, der seit 18 Jahren bei Berliner Glas Feinoptiker ausbildet, ist mit dem Duo zufrieden: „Nicole Makarova ist fleißig, interessiert, motiviert, zuverlässig, pünktlich – alles, was wir uns wünschen“, sagt er. Einer Bewerbung um eine Lehrstelle stehe nichts mehr entgegen.

          Berliner Glas bildet zurzeit 27 junge Leute zwischen 16 und 26 Jahren zu Feinoptikern aus. Das dauert dreieinhalb Jahre. Anschließend will der Betrieb sie übernehmen. Auch anderswo haben sie gute Chancen auf eine Festanstellung. Rosige Aussichten – eigentlich. Aber Anett Müller sagt: „Wir müssen viel mehr tun als vor zehn Jahren, um Bewerbungen zu bekommen. Jedes Jahr stocken wir unsere Maßnahmen auf.“

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