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Crowdworking : Arbeiten, wie es uns gefällt

Ein paar Klicks zum Job auf Zeit. Bild: dpa

Arbeitsministerin Andrea Nahles geht der Leiharbeit an den Kragen. Die flexible Arbeitswelt kommt trotzdem - übers Internet. Das nennt sich „Crowdworking“.

          In Deutschland gibt es viele Bereiche, in denen es sich nach Ansicht von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) aufzuräumen lohnt. Lange Zeit hat sich die Politikerin mit Rente und Mindestlohn aufgehalten. Nachdem das geschafft war, hatte sie wieder Kapazitäten für ein anderes Lieblingsthema: die Regulierung der Leiharbeit. Die galt schon länger als reformbedürftig. In der Bevölkerung, weil in den vergangenen Jahren durch einige Auswüchse das schiefe Bild einer komplett unfairen Branche entstanden ist. Und bei den Arbeitsgerichten, die immer wieder die unübersichtliche Gesetzeslage rügten. In der vergangenen Woche hat Nahles nun ihre Vorschläge veröffentlicht, und die haben die schlimmsten Befürchtungen der Branche übertroffen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Das liegt nicht etwa daran, dass Leiharbeiter künftig nur noch maximal 18 Monate in einem Betrieb beschäftigt sein dürfen und nach spätestens neun Monaten den gleichen Lohn wie ihre festangestellten Kollegen bekommen müssen. Das hatte man kommen sehen. Es liegt vielmehr an den drakonischen Strafen, die künftig bei Verfehlungen drohen sollen, und das gleich doppelt. Die Zeitarbeitsfirma wird mit dem Entzug der Zulassung bestraft, und das Einsatzunternehmen wird gezwungen, den Arbeitnehmer fest zu übernehmen. Fester kann man die Daumenschrauben kaum anziehen.

          Die neuen Regeln könnten dazu führen, dass Zeitarbeit unattraktiver wird und die Zahl der Leiharbeiter schrumpft. Der Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister redet davon, dass deren Einsatz nun gar „zum Vabanque-Spiel“ wird. Nach einer großen Regulierungswelle sind die Zahlen 2012 und 2013 spürbar zurückgegangen. Im vergangenen Jahr sind sie wegen der guten Konjunktur wieder leicht gestiegen, auf rund 824.000 Zeitarbeiter.

          Die Alternativen durch das Internet sind attraktiv

          Das dürfte allerdings nicht dazu führen, dass sich Unternehmen von ihrem Wunsch nach Flexibilität verabschieden und nun reihenweise Mitarbeiter mit Tariflohn in Vollzeit anstellen, wie es sich Arbeitsmarktpolitiker wohl erhoffen. Dazu sind die Alternativen, nicht zuletzt durch das Internet, zu attraktiv. Gedacht wird inzwischen in ganz anderen Kategorien. Längst haben sich neue Formen der Flexibilisierung aufgetan. Allerdings sind deren Bezeichnungen noch sperriger als „Leiharbeit“ oder „Werkvertrag“- Begriffe, unter denen sich Normalbeschäftigte immerhin noch etwas vorstellen konnten.

          Die Schlagwörter der neuen Arbeitswelt werden allesamt englisch ausgesprochen. Schon seit geraumer Zeit ist das „Crowdworking“ ein Trend, der sich auch unter dem breiter gefassten deutschen Begriff der „Plattformökonomie“ noch nicht in den Köpfen verankert ist. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat diese Arbeiter schon einmal als „digitale Tagelöhner“ bezeichnet. Das ist zwar eingängiger, aber es trifft kaum die ganze Bandbreite dieser unorthodoxen Beschäftigungsform. Eher ist es eine digitale Form des Outsourcings.

          Dabei ist die Grundidee ziemlich simpel: Sie basiert darauf, dass Unternehmen Aufgaben auf Internetplattformen einstellen, zum Beispiel auf Jovoto, AppJobber, Twago oder Clickworker. Für diesen Auftrag können sich dann die Angehörigen der „crowd“ bewerben, sprich: Menschen auf der ganzen Welt. Dabei handelt es sich keineswegs immer nur um „Tagelöhner“, die sich von Indien und Aserbeidschan aus um ein paar zusätzliche Dollar Einkommen bemühen. Darunter sind auch jede Menge Kreative, denen es beim Gedanken schaudert, jeden Morgen in das immer gleiche Büro zu gehen und am betriebseigenen Kaffeeautomaten stehen zu müssen. Sie wollen flexibel arbeiten, mal von Münster, mal von den Malediven aus. Da kommt diese Form der flexiblen Beschäftigung gerade recht.

          Genauso vielfältig sind die Betätigungsfelder. Das können kleine Teilaufgaben sein, zum Beispiel die Katalogisierung der Krater auf einem fernen Planeten, das Übersetzen oder Korrekturlesen von Texten. Mal ist es ein mathematisches Problem, das es zu lösen gilt, mal das Testen von Softwareprodukten. Auch aufwendige Grafik- oder Designaufträge können darunter sein.

          Quer über die Zeitzonen hinweg

          Die Beschäftigungsform nimmt inzwischen Dimensionen an, die sich mit Hilfe der bisherigen Arbeitsmarktstatistik nur schwer beschreiben lassen. Der Charme liegt oft im grenzüberschreitenden Einsatz, quer über alle Zeitzonen hinweg. Deshalb ist die Zahl der „Crowdworker“ in Deutschland nur schwer zu beziffern und allenfalls an den Nutzerzahlen der Plattformen ablesbar. Twago wirbt damit, dass es auf seiner Internetseite rund 80.000 Projekte ausgeschrieben sind - und dass die Auftraggeber dort bis zu 120.000 Programmierer erreichen können. Es dürfte sich nicht nur um eine Randerscheinung handeln. Die Weltbank geht davon aus, dass die Crowdwork-Plattformen bis zum Jahr 2020 Aufträge im Wert von insgesamt 25 Milliarden Dollar vermitteln werden. Andere Schätzungen rechnen sogar mit bis zu 46 Millarden Dollar.

          Arbeitsrechtlich ist das Phänomen schwer zu fassen. Das macht einen möglichen Einsatz von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles schwierig - schon weil bei grenzüberschreitenden Tätigkeiten offen bleibt, welches Recht überhaupt anwendbar ist. In vielen Fällen dürfte klar sein, dass es sich nicht um die gefürchteten Ausbeutung von Scheinselbständigen handelt, die schon seit Jahren vom deutschen Recht vehement bekämpft wird. Schließlich sind die „Crowdworker“ nicht in den Betrieb eingebunden. Sie sitzen meist zu Hause oder in einem Café, während sie per Computer den Auftrag erledigen. Allenfalls müssen sie ein Computerprogramm herunterladen, das ihnen das Unternehmen für ihre Arbeit stellt. Ansonsten arbeiten viele wie ein Handwerker, der nur einen Endtermin erhält, an dem die Leistung erbracht sein sollte.

          Allerdings gibt es auch skurrile Ausformungen. Dazu zählt der Leiter des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeitsrecht, Thomas Klebe, eine Art „Windhundrennen“. Dabei bekommt nur derjenige das Geld, der als erster eine akzeptable Leistung erbringt. In anderen Konstellationen wird nur das beste Angebot bezahlt. Alle anderen gehen leer aus. Das ist nach deutschem Recht gar nicht möglich, warnt der emeritierte Arbeitsrechtsprofessor Wolfgang Däubler. Schließlich gebe es hierzulande den „selbstverständlichen und deshalb selten angesprochenen Grundsatz“, dass jede mit Zustimmt des Arbeitgebers erbrachte Arbeit auch vergütet werden muss.

          Transparenz als Lösungsansatz

          Viele schwärmen von der Flexibilität, die diese Arbeit auch für die Auftragnehmer bringt. Schließlich ist er nicht mehr nur an einen Auftraggeber gebunden. Er kann sich viele verschiedene Firmen suchen, auch im Ausland. Nach getaner Arbeit bewerten sich beide Seiten gegenseitig.

          Auf Transparenz setzt auch die IG Metall, wenn man dem neuen Phänomen schon arbeitsrechtlich nur schwer beikommen kann. Sie fährt eine Strategie der Aufklärung und hat ihrerseits eine Internetplattform eingerichtet. Unter www.faircrowdwork.org kann man sich anschauen, welche Firma ein fairer Auftraggeber sein könnte.

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