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Arbeitszeugnisse : Eine Drei geht immer

Ein Arbeitszeugnis muss wahr und wohlwollend sein. Bild: Picture-Alliance

Arbeitszeugnisse haben ihren ganz eigenen Sprachcode. Aber was ist, wenn man mit der Beurteilung „zur vollen Zufriedenheit“ eben nicht zufrieden ist? Das musste nun das Bundesarbeitsgericht klären.

          Wie viel Wahrheit muss ein Arbeitszeugnis enthalten und wie wohlwollend muss es gegenüber dem Beurteilten sein? Über diese Frage hatte das Bundesarbeitsgericht am Dienstag zu entscheiden. Die Erfurter Richter entschieden, dass der Arbeitgeber in der sogenannten Zufriedenheitsformel weiterhin die Note „3“ vergeben kann, ohne dies begründen zu müssen. Damit bestätigte das Gericht die bisherige Praxis (BAG 9 AZR 584/13).

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Geklagt hatte eine 25 Jahre alte Frau, die ein Jahr im Empfangsbereich einer Zahnarztpraxis gearbeitet hatte. Im Arbeitszeugnis bestätigte der Arbeitgeber, dass sie ihre Arbeit „zur vollen Zufriedenheit“ erfüllt habe. Nach gängiger Lesart entspricht das der Note 3. Ebenso wie bei den Noten 2 („stets zur vollen Zufriedenheit“) und 1 („stets zur vollsten Zufriedenheit“) kann der Personalmanager diese Beurteilungen wählen, ohne dies begründen zu müssen. Das ist erst von Note 4 („zur Zufriedenheit“) an der Fall.

          Die Klägerin wollte nun vor Gericht eine bessere Beurteilung erstreiten und hatte damit in den Vorinstanzen Recht bekommen. Die dortigen Richter hatten angezweifelt, dass die Note 3 nach heutigem Verständnis des Wirtschaftslebens noch einer durchschnittlichen Bewertung entspricht. Die Bundesarbeitsrichter beurteilten dies in der Revision jedoch anders. Sie lehnten die Beweislastumkehr ab. „Beansprucht der Arbeitnehmer eine bessere Schlussbeurteilung, muss er im Zeugnisrechtsstreit entsprechende Leistungen vortragen und gegebenenfalls beweisen“, heißt es vom 9. Senat und verwiesen den Fall Landesarbeitsgericht Berlin-Brandenburg zurück. Dort kann die Frau nun begründen, dass sie eine 2 verdient hat.

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          Arbeitszeugnisse haben in Deutschland nach Einschätzung von Personalmanager immer noch einen vergleichsweise hohen Stellenwert beim Auswahlprozess für eine offene Stelle. Denn das Auswahlverfahren ist im Vergleich etwa zu angelsächsischen Ländern stark formalisiert. Dabei muss der Verfasser einen Grundkonflikt lösen, denn das Zeugnis muss einerseits „wahr“ sein, also eine realistische Einordnung der geleisteten Arbeit geben; andererseits muss es „wohlwollend“ gegenüber dem Beurteilten ausfallen und darf nicht alle Chancen bei der nächsten Bewerbungen verbauen.

          Aus diesem Spannungsverhältnis heraus hat sich in Deutschland ein eigener Sprachcode von und für Personalprofis entwickelt. Die Gesamtzufriedenheitsformel dabei ist nur ein Baustein, wenngleich ein wichtiger. Auch in anderen Elementen des Zeugnisses lassen sich reihenweise Beurteilungen und Anspielungen verstecken. Die Formulierung „stets bemüht“, mit der begrenzte Fähigkeiten ausgedrückt werden, ist das wohl bekannteste Beispiel. Andere sind „Geselligkeit“ als Anspielung für übertriebenen Alkoholgenuss oder „für die Belange seiner Mitarbeiter eingesetzt“ als Warnung vor Betriebsratsaktivitäten.

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