https://www.faz.net/-gyl-6l5ue

„Blue Card“ : Hürdenlauf für Ausländer

  • -Aktualisiert am

Willkommen in Deutz: Armando Rodrigues de Sá, Deutschlands Gastarbeiter Nr. 1.000.000 Bild: dpa

Vom kommenden Jahr an soll die „Blue Card“ hochqualifizierte Arbeitnehmer in die EU locken. In Amerika funktioniert das. Doch in Europa wird das Modell zum Flop.

          Das Foto ist zum Sinnbild deutscher Wirtschaftsgeschichte geworden In der linken Hand einen Strauß Nelken haltend, sitzt ein unrasierter, verunsichert dreinblickender Mann mit verschlissener Jacke, Arbeitshose und breitkrempigem Hut auf einem Moped, Modell „Zündapp Sport Combinette“. Im Hintergrund: Beifall klatschende Funktionäre aus Politik und Wirtschaft, allesamt in Anzug und Krawatte. Die Aufnahme entstand 1964, der Mann im Mittelpunkt heißt Armando Rodrigues de Sá und hat drei Tage zuvor seinen kleinen Heimatort Vale de Madeiros in Portugal verlassen. Mit Marschmusik und dem Lied „Auf in den Kampf, Torero“ wird er auf dem Bahnhof Köln-Deutz empfangen - als millionster Gastarbeiter.

          Die Zündapp, das Begrüßungsgeschenk, steht heute eingemottet im Bonner Haus der Geschichte. Und im globalen Standortwettbewerb geht es längst nicht mehr um die Schichtarbeiter, sondern um Hoch- und Höchstqualifizierte. Die aber sind rar. Unter allen Zuwanderern, die Jahr für Jahr in die Europäische Union streben, machen sie gerade einmal 5 Prozent aus. In den Vereinigten Staaten sind es 55 Prozent.

          EU-Bürger und Familiennachzügler

          Das Gros der 200.000 Migranten, die jedes Jahr nach Deutschland kommen, sind EU-Bürger und Familiennachzügler. Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kamen im vergangenen Jahr gerade einmal 700 Hochqualifizierte aus Nicht-EU-Staaten, nur 250 davon waren Wissenschaftler. Vor einem „brain drain“ warnt deshalb Herbert Brücker, der Bereichsleiter der Forschungsstelle der Arbeitsagentur (IAB). „Wir verlieren deutlich mehr Hochschulabsolventen an das Ausland, als wir von dort zurückgewinnen“, sagt er. Insgesamt habe die Nettozuwanderung der vergangenen fünf Jahre in Deutschland „bei null“ gelegen. Zehn Jahre nach Altkanzler Gerhard Schröders „Green Card“ für IT-Fachkräfte steckt Deutschland so wieder mitten in einer Diskussion über qualifizierte Zuwanderung.

          Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Wirtschaftsverbände oder Politiker den drohenden Fachkräftemangel beklagen. Die demographische Entwicklung ist in der Tat bedenklich: Nach einer Studie des Beratungsunternehmens Prognos werden in fünf Jahren rund drei Millionen Fachkräfte auf allen Ebenen fehlen. Schon heute herrscht in den Berufsfeldern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik akute Personalnot. Dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) fehlen schon jetzt 36 000 Ingenieure, der IT-Verband Bitkom schätzt das Defizit in seiner Branche auf 43 000 Computer-Spezialisten. Sinkende Geburtenraten und die in die Rente entschwindende Generation der „Babyboomer“ verdüstern die Situation zusätzlich.

          Teurer Fachkräftemangel

          22 Milliarden Euro, so hat es das Bundeswirtschaftsministerium ausgerechnet, kostet der Mangel an qualifiziertem Personal die deutsche Wirtschaft im Jahr. Mit dem heimischen Reservoir an Arbeitslosen, darin sind sich die Ökonomen einig, werden sich die Lücken nicht schließen lassen. Oft passen Ausbildung und freie Stelle nicht zusammen. Um dem Negativtrend etwas entgegenzusetzen und wieder mehr ausländische Facharbeiter ins Land zu locken, hat die Regierung schon Anfang 2009 das Zuwanderungsgesetz reformiert. Die Reform enthält neben Regelungen zum erleichterten Zuzug von Firmengründern vor allem eine Reihe von Maßnahmen, die die Integration von Zuwanderern in die deutsche Gesellschaft fördern sollen, vor allem Sprachkurse. Derzeit arbeiten die schwarz-gelben Koalitionäre darüber hinaus an der Umsetzung einer EU-Richtlinie zur sogenannten Blue Card, die 2011 in Kraft treten wird.

          Nach dem Vorbild der amerikanischen Arbeitsgenehmigung (Green Card) soll die europäische „blaue Karte“ qualifizierten Migranten einen zwei- bis vierjährigen Arbeitsaufenthalt in einem EU-Land ermöglichen. Sie stellt die Inhaber sozial- und arbeitsrechtlich den Bürgern des Aufnahmelandes gleich und berechtigt zum Familiennachzug. Die Blue Card ist verlängerbar und kann nach fünf Jahren in einen dauerhaften Aufenthalt münden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.
          Angeklagt: Der Unternehmer Alexander Falk (Mitte) wartet am Mittwoch mit seinen Anwälten im Frankfurter Landgericht auf den Prozessbeginn.

          Prozess gegen Alexander Falk : „Damit diese Bazille nicht mehr existiert“

          Hat Alexander Falk, der Erbe des Stadtplan-Verlags, den Auftrag erteilt, einen Anwalt zu töten? Vor Gericht bestreitet er das. Und was auf den ersten Blick ein logischer Schluss ist, beginnt beim Blick auf die Details zu wackeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.