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Mini-Kolumne „Neigschmeckt“ : Bloß net!

Bei der schwäbisch-alemannischen Fastnacht tobt sich der Schwabe aus. Ansonsten ist mit ihm nicht immer zu spaßen. Bild: dpa

Wer als Nei’gschmeckter aus Hamburg oder Berlin mit den Altschwaben im „Ländle“ nicht gleich auf Kriegsfuß stehen will, dem ist von Einigem dringend abzuraten.

          Welchen Tipp soll man dem Neig’schmeckten aus Hamburg oder Berlin für den ersten Arbeitstag beim Automobilzulieferer auf der Schwäbischen Alb geben? Saitenwürstle in der Brotbox mitbringen? Mit einem beherzten „Grüssgottle“ ins Zimmer des Firmenpatriarchen stürmen? Ein schwäbisches Wörterbuch auf dem Schreibtisch aufstellen? Wir würden von allem dringend abraten.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Hier ein kleiner Exkurs: Die wenigsten Menschen zwischen Aalen und Tübingen sind heute noch „Endaklemmer“, also unglaubliche Geizhälse, sie sind aber immer noch „hälenga reich“, soll heißen, sie kokettieren damit, dass sie der Welt partout nicht zeigen wollen, für wie toll sie sich insgeheim halten. Eigentlich sind sie natürlich so von sich überzeugt, dass sie mit jedem, der das einmal in Abrede gestellt hat, nie mehr ein Wort wechseln. Was heißt das im praktischen Leben?

          Wir würden dem neuen Ingenieur aus Münster oder dem Geschäftsführer aus Hannover zunächst einmal raten, mit dem Kleinwagen der Geliebten, besser aber der Ehefrau, zur Arbeit zu fahren. Auf den häufig immer noch mit Namensschildern ausgestatteten Firmenparkplätzen ist auch im Zeitalter des Elektrobikes noch eine Stellfläche für die S-Klasse des Patriarchen reserviert. Natürlich braucht er die weder zum Fahren noch zum Protzen, er ist ja Schwabe. Aber wenn er mit dem Smart käme, könnte der Nachbar ja glauben, dass es „im Geschäft“ mies läuft.

          Schwabe wird man nicht durch Abstammung, sondern durch Anpassung

          Die Neigung zur Hochnäsigkeit sollte man sich gleich beim Grenzübertritt von Ludwigshafen nach Mannheim oder von Neu-Ulm nach Ulm abgewöhnen. Der Schwabe ist zwar ein klammheimlicher Protzer, doch wenn der Zugezogene angibt oder sagt, wo es langgeht, kann er gleich die Rückfahrkarte buchen. Zu unterlassen sind auch alle Anbiedereien im Sprachlichen. Auch Zugezogene, die ihr ganzes Berufsleben bei den Schwaben verbracht haben, trauen sich selbst im Pensionsalter nicht, den schwäbischen Akzent vor dem Angesicht eines echten Schwaben nachzuäffen.

          Für das Alemannische übrigens gilt das Gleiche. Bitte schön hochdeutsch und nicht vom „Computerle“, „Brötle“ oder „Mädele“ schwätzen. Und überhaupt: Wer keine Geduld hat, sich nassforsch nach vorn drängelt und aufdringlich um die Gunst der Schwaben buhlt, wird seine Depressionen irgendwann in der Weinstube bekämpfen. Zum Verständnis des Mittelständlers klassischer Prägung hilft ein kurzer Blick auf die Entstehung des baden-württembergischen Wirtschaftswunders:

          Der schwäbische Unternehmer hat aus nichts ein weltweit patentiertes Verfahren zum Herstellen von Zylinderkopfdichtungen gemacht. Er ist Selfmade-Mann. Er braucht also keine Geschäftsführer, die ihm am Morgen im besten Denglish die Welt erklären und nachmittags die Mitarbeiter auf der Betriebsversammlung demütigen. Das passt nicht zum Sozialmodell im Südwesten. Generell gilt beim Versuch, die Schwaben wenigstens ein bisschen zu verstehen: „Schwabe wird man nicht durch Abstammung, sondern durch Anpassung.“

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