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Bildungsforschung : Sind Lehrer dümmer?

So gewissenhaft, offen und stabil wie jeder andere Arbeitnehmer Bild: dpa

Viele Vorurteile und eine neue Studie: Für den Lehrerberuf interessieren sich vor allem Abiturienten mit schlechtem Zeugnis? Wegen der Unkündbarkeit und der langen Ferien? Das darf als widerlegt gelten.

          Erst vor kurzem hat eine Studie des Münchner Bildungsökonomen Ludger Wößmann Aufsehen erregt. Darin behauptet der Leiter des Bereichs Humankapital und Innovation des ifo-Instituts, für den Lehrerberuf interessierten sich vor allem Abiturienten mit schlechtem Zeugnis. Wößmann, so hieß es, habe zum ersten Mal Schulnoten angehender Lehrer mit den Leistungen anderer Studienanfänger verglichen. Wenig Schmeichelhaftes für Lehrer wollte schon vor längerer Zeit auch der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Udo Rauin herausgefunden haben. Nach seinen Untersuchungen seien für die Berufswahl äußere Anreize wie die Sicherheit des Berufs und längere Ferienzeiten ausschlaggebend und nicht etwa die Freude oder das Interesse an pädagogischer Arbeit.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Beide Studien sind empirisch nicht belastbar, sondern schüren im Wesentlichen Vorurteile. Zu diesem Ergebnis kommt eine empirische Untersuchung des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung (MPIB), deren Ergebnisse dieser Zeitung vorliegen. Die populäre Annahme zu überprüfen, dass vor allem Abiturienten mit unterdurchschnittlichen Leistungen Lehrer werden wollen, war das Ziel der Autoren Uta Klusmann, Ulrich Trautwein, Oliver Lüdtke, Mareike Kunter und Jürgen Baumert.

          Die Studie der Bildungsforscher mit dem Titel "Eingangsvoraussetzungen beim Studienbeginn: Werden Lehramtskandidaten unterschätzt?" fußt auf einer Abiturientenstichprobe aus Baden-Württemberg und untersucht die Frage, inwiefern die Wahl eines Lehramtsstudiums mit einer negativen Selektion bei kognitiven und psychosozialen Merkmalen einhergeht. Im Unterschied zu den eingangs erwähnten Wissenschaftlern ziehen die Autoren der neuen Untersuchung ihre Schlussfolgerungen nicht aufgrund der Momentaufnahme der Abiturleistungen, sondern berücksichtigen andere Indikatoren. Sie haben den Ausbildungsweg der Teilnehmer verfolgt und sie nach zwei Jahren wieder befragt. An der ersten Untersuchung im Jahre 2002 nahmen 4730 Schüler teil - sie wurden Fähigkeits- und Wissenstests unterzogen und füllten psychosoziale Fragebogen aus. Zwei Jahre später nahmen 2314 Personen teil, von denen 1756 ihr Studium aufgenommen hatten, davon 328 mit dem Ziel eines Lehramtsabschlusses. Von den 328 Lehramtsstudenten strebten 119 das gymnasiale Lehramt an, 209 das Lehramt an Grund-, Haupt-, Sonder- oder Realschulen. Als Leistungsindikatoren wurden die Abiturgesamtnote, die kognitive Grundfähigkeit sowie zwei Tests in Mathematik und Englisch berücksichtigt.

          Falsche Schlüsse gezogen

          Die Studie hat nun gezeigt, dass die Abiturgesamtnote von Studenten mit Lehramt für Grund- und Hauptschule oder Realschule um etwa eine halbe Note schlechter ist als von Lehramtsanwärtern für das Gymnasium. Schwächer sind auch die übrigen kognitiven Leistungen, vor allem die Englischkenntnisse. Daraus aber zu folgern, dass sich nur Ungeeignete für das Lehramt entscheiden, ist Unfug. Denn die Abiturdurchschnittsnote besagt so wenig über die Eignung für das Lehramt wie andere Leistungsindikatoren.

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