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Bildung und Betreuung : Kinderkrippen vom Ideal weit entfernt

Gefördert? Oder einfach nur aufbewahrt? Bild: dpa

Eltern, die ihr Kind gut betreut wissen, machen unbesorgter Karriere. Früh geförderte Kinder sind später in Schule und Job erfolgreicher. Aber findet in deutschen Kitas überhaupt Bildung statt?

          In Ypsilanti im amerikanischen Bundesstaat Michigan begann vor fünfzig Jahren ein Experiment mit - damals ungeahnten - großen Auswirkungen. Fast sechzig Kinder aus armen Verhältnissen durften vormittags zweieinhalb Stunden lang kostenlos einen Kindergarten besuchen, betreut von gut ausgebildeten Pädagogen. Einmal in der Woche trafen sich diese mit den Eltern, um über Bildung und Erziehung zu sprechen. Das „Perry-Vorschulprogramm“ hört sich wenig spektakulär an. Es wurde aber berühmt, weil der Ökonom und Nobelpreisträger James Heckman es untersuchte und feststellte, dass kaum etwas lohnender ist, als Kinder aus bildungsfernen Familien früh zu fördern.

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Die Logik des Wirtschaftswissenschaftlers: Im jungen Alter sind Menschen besonders aufnahmefähig. Zudem führt jeder Bildungsfortschritt dazu, dass die nächste Bildungsmaßnahme auf fruchtbareren Boden fällt. Je früher man also investiert, desto steiler steigt die Bildungsrendite. „Fähigkeiten erzeugen Fähigkeiten“, sagt Heckman. Die Rendite des Geldes, das in das Programm gesteckt wurde, schätzte er auf stattliche 16 Prozent: 4 Prozent für die Teilnehmer und 12 Prozent für die Gesellschaft, unter anderem durch mehr Wirtschaftsleistung und geringe Ausgaben des Sozialstaates.

          Erfüllen deutsche Kitas die Voraussetzungen?

          Frühe Bildung lohnt sich - diese Erkenntnis ist auch in Deutschland kaum umstritten. Der Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren und der Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz seit August 2013 sind ein Ergebnis dieses Befundes. Allerdings wird hierzulande über die Fremdbetreuung der Allerkleinsten heftig diskutiert: Erleiden sie durch den Besuch einer Kita seelischen Schaden? Lohnt die Krippenbetreuung auch für Kinder aus bildungsnahen Familien? Und: Findet in deutschen Krippen überhaupt Bildung statt?

          Heckmans Ergebnisse beziehen sich oft auf Kinder aus bildungsfernen Familien. „Für Kinder, die im Elternhaus nicht genügend Anregungen bekommen, ist damit die Empfehlung, möglichst früh eine sehr gute Kita zu besuchen, naheliegend“, erklärt Katharina Spieß, Bildungsökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Doch steigert ein früher Kita-Besuch auch den Bildungserfolg von Kindern aus bildungsnahen Familien? Die Empirie sei nicht immer eindeutig, sagt Spieß. In manchen Studien finde man starke Effekte für Benachteiligte und keine für nicht Benachteiligte - und damit auch keine negativen Wirkungen für nicht Benachteiligte. „Eine norwegische Studie hat aber ergeben, dass grundsätzlich alle Kinder vom Kita-Ausbau profitierten und nicht nur Kinder aus benachteiligten Familien.“

          Sabina Pauen, Entwicklungspsychologin an der Universität Heidelberg, kennt ebenfalls Studien, nach denen eine externe Betreuung positive Auswirkungen auf die Bildungsbiographie von Kindern unabhängig von ihrer Herkunft hat. „Danach weisen Kinder, die früh fremdbetreut wurden, im Grundschulalter höhere Lese- und Mathematikfähigkeiten auf als Kinder, die zu Hause erzogen wurden, und zwar unabhängig vom Bildungsstand der Eltern.“ Für Kinder aus benachteiligten Familien ist für Deutschland ein positiver Effekt schon nachgewiesen worden. Nach einer Bertelsmann-Studie von 2008 gingen diese Kinder später doppelt so oft auf ein Gymnasium, wenn sie eine Krippe besucht hatten. Die Fachleute berechneten, dass der volkswirtschaftliche Nutzen des Krippenbesuchs fast dreimal so hoch ist wie die entstandenen Kosten.

          Damit sich solche positiven Wirkungen tatsächlich einstellen, ist nach Expertenansicht eine hohe Qualität der Krippenbetreuung unabdingbar. „Je besser das Programm, desto höher die volkswirtschaftliche Rendite“, sagt Ökonomin Spieß. Eine gute Krippe biete Betreuung und Bildung gleichermaßen, und das in einem stabilen, zuverlässigen und emotional warmen Umfeld, erklärt Psychologieprofessorin Pauen. Manche Fachleute warnen allerdings ganz grundsätzlich vor einer zu frühen Fremdbetreuung. „Eine zu früh eingeforderte Autonomie führt oft zu einer inneren Unsicherheit und Ängstlichkeit, die sowohl das intellektuelle als auch das soziale Lernen behindern kann“, schrieb die Leiterin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt, Marianne Leuzinger-Bohleber, vor ein paar Monaten in einem Beitrag für diese Zeitung.

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