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Linguistische Studiengänge : Warum die Kunst der Sprache nicht brotlos sein muss

  • -Aktualisiert am

Schlechte Bezahlung bei Germanistik und Co.? Das Klischee, dass linguistische Studiengänge keine Zukunft haben, hält sich hartnäckig. Bild: Felix Schmitt

Linguisten verbindet das Vorurteil, mit Sprache lasse sich nichts verdienen. Das bekannte Klischee hält sich seit Jahren. Und jetzt kommen auch noch die Roboter.

          Treffen sich zwei junge Männer: „Hey, wir kennen uns doch vom Taxischein, du hast doch auch Germanistik studiert, oder?“ – „Nee, Amerikanistik.“ So überzeichnet der Komiker Harry G das bekannte Klischee, dass linguistische Studiengänge keine Zukunft haben. Das Klischee scheint so alt wie der Berufsstand. Mit der Digitalisierung kommen aber neue Aspekte in die Debatte: Je klüger Maschinen werden, desto brotloser wird die Kunst der Sprache? Vielleicht. Oder: Je wichtiger Maschinen werden, desto wichtiger werden diejenigen, die ihnen das Sprechen und Verstehen beibringen? Auch möglich.

          „Man kann mit Sprache normalerweise nur auf zwei Weisen Geld verdienen“, sagt Korbinian Brunner. „Entweder man arbeitet als Übersetzer oder in der Computerlinguistik, das setzt jedoch Programmierfähigkeiten voraus.“ Weil sich aus seiner Sicht allein mit Linguistik kein Geld verdienen ließ, habe er sein Studium abgebrochen und stattdessen einen Abschluss in Wirtschaftskommunikation gemacht. Heute arbeitet er unter anderem als freier Übersetzer. Die Stellenangebote von großen Technik-Unternehmen, die Sprachassistenten und Übersetzungssoftware entwickeln, hält er allerdings für „spärlich“. Vor allem für reine Linguisten sei es schwierig, ohne Programmierkenntnisse dort einzusteigen, so Brunner.

          Die Übersetzerbranche sieht sich jedenfalls durch neue Technologien erst mal in Bedrängnis. Schließlich gibt es schon heute Programme, die viel weiter sind als Google Translate, das noch immer für zuweilen possierliche Fehler belächelt wird. Der Generalsekretär der SPD, Lars Klingbeil, hatte im vergangenen Jahr die Branche der Übersetzer und Dolmetscher schon auf die rote Liste der bedrohten Berufe gesetzt; Künstliche Intelligenz werde an ihre Stelle treten. Branchenverbände wie der Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer (BDÜ) liefen Sturm. Doch was ist dran an Klingbeils Behauptung? Wenn Maschinen immer besser lernen, natürliche Sprache zu verstehen und zu imitieren, werden Sprachexperten dann aussterben?

          Der BDÜ sieht die aktuellen Technologien noch lange nicht so weit, sagt eine Sprecherin. Müssten Übersetzer von Maschinen übertragene Texte noch überarbeiten, dauere dies teils länger als eine Neuübersetzung durch einen Profi. Die Kostenersparnis sei also nicht in jedem Fall ein Argument. Vor allem in kritischen Bereichen, in denen es um „Leib und Leben“ gehe, also in der rechtlichen oder medizinischen Kommunikation, könne man sich nicht auf Algorithmen verlassen.

          Daniel Zielinski, Geschäftsführer von Loctimize, einem Dienstleister für mehrsprachige Unternehmenskommunikation, ist der gleichen Ansicht. Übersetzer und Dolmetscher würden weiter gebraucht. Er schränkt aber ein: „Wenn wir nicht in der Lage sind, den Mehrwert der Sprache für ein Unternehmen zu verargumentieren, dann wird die Branche nur noch das Ende einer Nahrungskette sein, die nicht bedacht wird und alles Unmögliche möglich machen muss.“

          Werden der menschlichen Kreativität Grenzen gesetzt?

          Felix Mayer, Leiter des Sprachen und Dolmetscher Instituts München, bildet Übersetzer und Dolmetscher aus. Haben seine Absolventen eine Zukunft? „Ja, aber das Bild des Übersetzers, der in seiner Stube sitzt und schöpferisch vor sich hin arbeitet, hat mit der Gegenwart nichts zu tun.“ So sehe vielleicht noch die Arbeit von Literaturübersetzern aus; sie gelten in der Branche jedoch als Idealisten. Die Honorare sind niedrig, der Berufseinstieg schwer. Übersetzer seien heute spezialisierte Generalisten, die sich mit den verfügbaren Lösungen auskennen müssten und den Kunden dazu beraten. „Man ist eigentlich Prozessgestalter, und aus meiner Sicht ist der Beruf deshalb auch spannender geworden“, so Mayer.

          Nicht nur Übersetzer sehen sich neuen Technologien gegenüber. Auch Programme zur Analyse der Qualität und Verkaufschancen eines Buches gibt es. Gesa Schöning hat ihren Algorithmus „Qualifiction“ schon 2018 vorgestellt. Mittlerweile testen Verlage das Programm, nachgefragt sei auch eine Version für Autoren. Es soll Lektoren erleichtern, die Flut an eingesandten Manuskripten zu analysieren und Verkaufsschlager herauszufiltern. Werden nun auch Lektoren von der Digitalisierung einverleibt? „Wir haben kein Produkt entwickelt, das Berufe ersetzen soll“, so Schöning. Die Gründerin sagt, es gebe für Entwicklungen wie ihre sogar Bedarf an Linguisten und Lektoren, auf deren Einschätzung sie auch in Zukunft angewiesen sei. „Die Software wird niemals fertig sein.“ Die Furcht, dass damit nur noch markttaugliche Werke veröffentlicht werden, hält sie für unbegründet. Die Software analysiere deutlich mehr literarische Merkmale als nur die, die einem „Erfolgsschema“ folgten. Bei Qualifiction habe man die Hoffnung, dass der Buchmarkt dadurch bunter werde. Zudem stiegen die Chancen für unbekannte Autoren, überhaupt von Verlagen wahrgenommen zu werden. Die Fülle an Manuskripten, die Verlage zugesandt bekämen, sei für menschliche Lektoren nicht zu bewältigen, so Schöning. Kunst wird durch Schönings Erfindung zweifellos messbar. Werden der menschlichen Kreativität dadurch Grenzen gesetzt? Die Gründerin streitet das naturgemäß ab.

          Auch Daniel Zielinski bleibt dabei, dass Sprachprofis durchaus in Zukunft weiter gebraucht werden. Er sieht jedoch ein Problem in der Ausrichtung linguistischer Studiengänge. Sie hinkten zu sehr hinter den Entwicklungen hinterher, so der Übersetzer, der ursprünglich Lehrer werden wollte. „Nehmen wir das Beispiel der Kulturwissenschaften. Die machen alles Mögliche über Kulturen, aber die fragen sich nicht: Was haben die neuen Technologien für Auswirkungen auf unsere Kultur?“ Der Bedarf an Linguisten sei da, so Zielinski, schränkt aber ein: „Mit Linguistik allein wird’s schwierig. Es braucht Linguistik plus x.“ Deshalb werde es Zeit, dass sich die Universitäten modernisierten. Mit der Einführung des Studiengangs Computerlinguistik sei das schon ansatzweise geschehen, sagt der Unternehmer.

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