https://www.faz.net/-gyl-zobg

Betriebliche Netzwerke : Wissen, wo das Wissen sitzt

Welchen Kollege muss ich fragen? Bild: fotolia

Wer liest schon Newsletter oder durchforstet Datenbanken, wenn er ein berufliches Problem hat? Deshalb setzen Unternehmen auf soziale Netzwerke: Über das Intranet soll jeder Experte rasch erreichbar sein und Herrschaftswissen gebrochen werden.

          Der "Nürnberger Trichter", jenes legendäre Instrument zur mechanischen Verabreichung von Lehrstoff, existiert nur in der Redewendung. Gäbe es das didaktische Wundermittel auch in der realen Welt, wären viele Vorstandsriegen um eine Position kleiner. Denn es würde nicht nur eine der größten Herausforderungen der modernen Arbeitswelt lösen, sondern auch den Chief Learning Officer glatt überflüssig machen.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der amerikanische Konzern General Electric soll Mitte der neunziger Jahre der Erste gewesen sein, der diesen Posten auf oberster Ebene installiert hat. Inzwischen hat auch die Deutsche Bank einen, genauso wie der Computer- und Software-Hersteller Sun Microsystems, die Unternehmensberater Deloitte und Accenture sowieso. Lern- und Wissensmanagement ist zur Chefsache geworden - und verlangt zugleich den Abschied vom Denken in Hierarchien.

          Wissen wird gehortet und gehütet

          Denn noch weniger als das Lernen lässt sich von oben herab das Teilen von Wissen verordnen. Und Wissen ist Macht, diese Gleichung gilt im Beruf erst recht. Deshalb neigen wir dazu, es zu horten und zu hüten. Der Flurfunk flachst über Herrschaftswissen, aber nur halb im Scherz. Denn eigentlich ist es kaum tragbar, dass ein Geschäft, ein Produkt, ein Arbeitsablauf im Zweifel von einem einzelnen Mitarbeiter abhängt. Vom Computer-Freak zum Beispiel, der sich als Einziger in die neue Software eingefuchst hat. Oder von der Sekretärin, die bewusst dosiert, in welche Zusammenhänge sie andere einweiht und welche sie für sich behält. Unverzichtbar machen sich beide, ob unfreiwillig oder berechnend. Schön für sie, schlecht fürs Unternehmen - und, auf lange Sicht, auch für die Kollegen.

          Die Lern- und Wissensmanager der ersten Stunde setzten auf das Intranet als Gegengift. Per Mausklick, so hofften sie, würden bald allen alle relevanten Informationen - Formulare, Telefonnummern, Richtlinien - zur Verfügung stehen. Doch schnell machte sich Ernüchterung breit: Das interne Netz wird weit weniger und mit viel geringerem Effekt genutzt als erwartet.

          Woran das liegt? Andreas Dengel, einer der Direktoren des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern, gibt eine Antwort wie aus dem Lehrbuch: "Ihre Form und die Granularität ihrer Taxonomie passen häufig nicht zum Unternehmen und seinen Mitarbeitern." Vom Fach- ins Kantinendeutsch übertragen, heißt das: Man findet im Intranet alles, nur nicht das, was man sucht - und die Bedienung ist eine Qual. Auch die meisten Newsletter werden entweder ungelesen gelöscht, oder sie verschimmeln auf der Festplatte.

          Alle 380.000 Kollegen sehen, dass ich versiert bin

          Der Grund dafür ist nach Dengels Einschätzung struktureller Natur: Was immer ein Administrator verwaltet und bestückt und somit den Benutzern gewissermaßen vorsetzt, entspricht nur sehr selten deren wirklichen Bedürfnissen. Deshalb erforscht Dengels Institut andere Wege, die zum "Büro von morgen" führen sollen. Stück für Stück, das ist die Idee, wird sich dessen Wissenssystem aus dem Alltag heraus entwickeln. Die Methode zu dieser Vision hat ein Schlüsselwort. "Tagging" heißt auf Deutsch "markieren" oder "kennzeichnen".

          Was es bedeutet, führt Peter Schütt in den "Blue Pages" vor, einer Art Intranet 2.0 von IBM. Zweiundzwanzigmal haben seine Kollegen den Leiter der Abteilung Knowledge Management der deutschen Sparte des Computerherstellers in dem Portal "markiert". So ist sein Name, zu dem in diesem elektronischen Adressbuch und Nachschlagewerk auch ein kurzer Steckbrief samt Foto und eine Kontaktliste à la Facebook gehören, mit 22 verschiedenen Schlagwörtern wie "Social Management" und "Lotus" verknüpft - und jeder einzelne der rund 380 000 IBM-Mitarbeiter auf der Welt kann sehen, auf welchen Fachgebieten die Kollegen Schütt bislang als besonders versiert wahrgenommen haben.

          Weitere Themen

          Wie hackt man eine Bank?

          Crash-Kurs mit PwC : Wie hackt man eine Bank?

          Dass Online-Banking seine Tücken hat, ist bekannt. Wie schnell man über Sicherheitslücken an viel Geld kommt, können Hacker-Lehrlinge auf der Me Convention in einer täuschend echten Simulation ausprobieren.

          Topmeldungen

          Champions League im Liveticker : Lokomotive zieht nicht, Perisic spielt

          Bayern München startet gegen Roter Stern Belgrad in die Champions League. Bayer Leverkusen beginnt ebenfalls mit einem Heimspiel. Moskau lockt allerdings nicht genug Zuschauer ins Stadion. Lokomotive zieht selbst mit Weltmeister Höwedes allerdings nur wenige Zuschauer. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.