https://www.faz.net/-gyl-9lokl

Vorzüge der Stenographie : Besser als Sudoku!

Bei Steno ist Konzentration gefragt. Bild: dpa

Braucht noch jemand Kurzschrift? Was als antiquiert gilt, kann in manchem Beruf, für Uni und Schule durchaus nützlich sein. Eine Reportage aus dem Steno-Kurs.

          Bisher habe ich mich nicht zu alt gefühlt, um etwas Neues zu lernen, aber nach sechzig Minuten Stenographie-Kurs beginne ich zu zweifeln. Wie lange wird es dauern, bis ich die mehr als 80 Zeichen der Deutschen Einheitskurzschrift flüssig beherrsche? Ein Jahr – oder doch eher zehn? Lohnt sich die Mühe überhaupt?, frage ich mich, während mein Bleistift im Vier-Linien-Netz des Steno-Heftes nach Orientierung sucht. Wie groß war noch mal das G?

          Anna-Lena Ripperger

          Redakteurin in der Politik.

          Noch vor wenigen Stunden habe ich mir euphorisch ausgemalt, wie dieser Kurs mein Leben verändern würde. Nie mehr über mit Kugelschreiber beschmierten Zetteln brüten, um das eigene Gekrakel zu entziffern. Nie mehr überlange Gesprächsmitschnitte abhören, die ich nur deshalb machen musste, weil ich weder schnell genug schreiben noch tippen kann. Ich würde bei Meetings und Interviews künftig einfach mitstenographieren. Wie schwer das Ganze doch ist, muss ich wohl ausgeblendet haben, als ich mich spontan entschloss, das Angebot von Jascha-Alexander Koch anzunehmen.

          Der staatlich geprüfte „Lehrer der Kurzschrift“, wie er sich im Fachjargon nennt, hatte mich in der S-Bahn angesprochen, morgens, auf dem Weg zur Arbeit. Er hatte mich dabei beobachtet, wie ich mein Schreibheft aus dem Rucksack gezogen hatte, um mir Notizen zu machen – To-Dos, Termine, Ideen. „Wenn Sie so viel schreiben, wäre doch Stenographie was für Sie“, sagte er. Am Abend beginne in Langen ein Einsteigerkurs seines Stenographenvereins, der erste seit fünf Jahren. Ob ich nicht dazukommen wolle? Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch nie ernsthaft darüber nachgedacht, Kurzschrift zu lernen. Wie Schreibmaschinen oder Durchschlagpapier war sie für mich vor allem eines: Teil einer untergegangenen Bürokultur.

          Das stimmt auch – aber eben nicht überall. Im Bundestag etwa wird bis heute jede Rede, jeder Zwischenruf und jede Wortmeldung mitstenographiert. Die 33 Stenographen, die dort ihren Arbeitsplatz haben, sind allerdings Vollprofis: Sie schreiben fünf bis achtmal schneller als in ihrer normalen Handschrift. Es gebe auch keine Software, die in der Lage sei, all das verlässlich aufzuzeichnen, was die vielen Parlamentarier gerade sagen oder tun, heißt es auf der Bundestags-Internetseite – insbesondere, wenn in Debatten alles wild durcheinandergeht und viele gleichzeitig reden, heißt es dort.

          Das weiß auch jeder Journalist, der schon mit Software für Interviewmitschnitte gearbeitet und versucht hat, sich von künstlich intelligenten Systemen ein Transkript erstellen zu lassen. Die Ergebnisse werden zwar immer besser – verwendbar und zeitsparend ist aber längst nicht alles.

          Es gibt in der Regel keine Doppellaute

          Auch die Teilnehmerin am Steno-Kurs, auf deren Heft ich gerade schiele, um den Anschluss nicht zu verpassen, sieht noch den Wert der Stenographie. „Wir haben lange auf diesen Kurs gewartet“, sagt Sigrid Schenko. Die Diplomkauffrau hat sich zusammen mit ihren beiden Töchtern angemeldet. Tamara, 17 Jahre alt, will Steno können, bevor sie mit dem Studium beginnt – „zum Mitschreiben in den Vorlesungen“.

          Weitere Themen

          51 Prozent, 365 Euro, drei Monate

          FAZ.NET-Hauptwache : 51 Prozent, 365 Euro, drei Monate

          Schüler haben Probleme mit der Handschrift, ein Oberbürgermeister traut sich in die Babypause und ab nächstem Jahr gibt es ein günstiges Seniorenticket. Was das mit dem Steuerzahler zu tun hat, steht in der FAZ.NET-Hauptwache.

          Topmeldungen

          „Die Zerstörung der CDU“ : Das Rezo-Video im Faktencheck

          Klima, Wohlstand, Krieg und Protestkultur: Eine zornige Abrechnung wird zum Internethit. Was hält einer genaueren Betrachtung stand? Eine kritische Perspektive auf die vier zentralen Themen.

          Vor der Europawahl : Wie die polnische Jugend Frühlingsgefühle entwickelt

          Die neue linksliberale Partei „Wiosna“ (Frühling) des populären Politikers Robert Biedron mischt die politische Landschaft in Polen auf. Die Anhänger sind jung, nennen ihren Parteivorsitzenden „Robert“ und drängen auf einen Wandel in Polen – und Europa.
          Eine Frau wirft in Erfurt einen Brief wird in einen Briefkasten der Deutschen Post AG.

          FAZ Plus Artikel: F.A.Z. exklusiv : Das Briefporto steigt von 70 auf 80 Cent

          Jetzt ist es raus: Der Standardbrief kostet künftig 10 Cent mehr. Auch alle anderen Briefarten werden deutlich teurer – die Postkarte sogar um ein Drittel. Nur ihre Großkunden verschont die Post zunächst.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.