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Berufsbildung : Mehr Azubis in den Hörsaal

  • -Aktualisiert am

Warum nicht aus dem Chemielabor an die Uni? Bild: picture-alliance/ dpa

Deutschland braucht gut ausgebildete Arbeitskräfte mehr denn je. Deshalb hat ein Gremium unter Führung der Bildungsministerin zehn Leitlinien zur Reform der Berufsbildung erarbeitet. Ein Ziel: Die Lehre soll aufgewertet werden.

          Deutschland fehlen die Fachkräfte. Heute schon. Die Industrie sucht in vielen Branchen händeringend nach Ingenieuren oder auch gut ausgebildeten Facharbeitern. Die Situation wird sich angesichts der demographischen Entwicklung in den kommenden Jahren noch verschärfen und führt zu einer Herausforderung, der das deutsche Bildungssystem in seiner heutigen Verfassung nicht gerecht wird. So bleibt zum Beispiel ein Teil der Jugendlichen ohne Ausbildung im derzeitigen System stecken und wird damit den späteren Anforderungen des Arbeitsmarktes nicht mehr gerecht. „Wir brauchen den Nachwuchs und werden nicht ewig die starken Jahrgänge haben wie heute“, beschreibt Barbara Dorn, Abteilungsleiterin Bildung der Arbeitgebervereinigung BDA, die Situation. Um Deutschland für den Weg in die Wissensgesellschaft fitzumachen, hat der von Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) einberufene „Innovationskreis berufliche Bildung“ (IKBB) zehn Leitlinien erarbeitet, die das System der beruflichen Bildung fitmachen sollen. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und von Ausbildungsträgern haben nach Wegen gesucht, wie die Strukturen an die neuen Herausforderungen angepasst werden können. Ein Ziel: Auch aus dem Kreis derer, die eine Lehre machen, soll mehr höherqualifiziertes Personal hervorgehen.

          Dafür müssen nach Ansicht des IKBB auf der einen Seite mehr Jugendliche an die berufliche Bildung herangeführt werden. Auf der anderen Seite müssen aber auch die Qualifizierungsmöglichkeiten während und nach der Ausbildung verbessert werden. „Wir als Arbeitgeber sehen zum Beispiel die Notwendigkeit, dass junge Menschen, die ihre berufliche Ausbildung absolviert haben, auch den Zugang zur Hochschule finden. Sie sollten das gleiche Recht haben wie Abiturienten, sich dort zu bewerben“, erläutert Dorn eine der Ideen, mit denen das Bildungssystem mehr Fachkräfte produzieren könnte. Für den Innovationskreis fällt dieser Vorschlag unter das Konzept einer generellen Verbesserung der Übergänge zwischen einzelnen Ausbildungsformen. Den besonders leistungsstarken Auszubildenden sollen nicht länger Steine in den Weg gelegt werden, wenn sie sich weiterqualifizieren wollen. „Das ist nicht nur eine Frage der Chancengleichheit, sondern auch der Deckung des wachsenden Bedarfs an Hochschulabsolventen“, heißt es in dem Zehn-Punkte-Plan. Zudem trage eine solche Durchlässigkeit des Bildungssystems dazu bei, das Konzept des lebenslangen Lernens, das in der Wissensgesellschaft einen immer höheren Stellenwert erhalte, besser in die Tat umzusetzen.

          Bisher leistet sich Deutschland aber noch einen verschwenderischen Umgang mit den personellen Ressourcen. Das beginnt schon vor der beruflichen Ausbildung: Rund acht Prozent der Jugendlichen – das sind derzeit etwa 80 000 – brechen jedes Jahr die Schule ab und stehen ohne Abschluss da, berichtet Dorn. Diese Zahl soll jetzt bis zum Jahr 2010 halbiert werden. Dafür schlägt der IKBB unter anderem einen frühen Kontakt zwischen Ausbildungsbetrieben und den Schulen in Form von Klassenpatenschaften oder Mentorenmodellen vor. Auch soll die generelle Ausbildungsreife der Absolventen verbessert werden. Rund 25 Prozent der Jugendlichen kommen nach den Ergebnissen der Pisa-Studie hierzulande nicht über die erste Qualifikationsstufe hinaus, sagt Dorn. Das bedeutet: Sie können weder fließend lesen noch schreiben, und auch mit dem Rechnen hapert es. Entsprechend laut sind die Klagen der Ausbildungsbetriebe, die oft nachholen müssen, was in der Schule versäumt wurde.

          Zudem beendet jeder fünfte Auszubildende seine Lehre entweder gar nicht oder wechselt mittendrin den Ausbildungsberuf und muss von vorne anfangen. Die Hälfte der Jugendlichen, die mit Hilfe der Bundesagentur für Arbeit einen Ausbildungsplatz suchen, sind nach Angaben des IKBB Altbewerber, die entweder schon länger suchen oder eine Ausbildung begonnen, dann aber nicht beendet haben. Für diese Gruppe schlägt der Innovationskreis ein System von Ausbildungsbausteinen vor, die bestimmte Qualifikationen beinhalten. „Die Bausteine bilden die Ausbildung stärker in Schritten ab. Das führt auf der einen Seite dazu, dass die Motivation steigt, wenn kontinuierlich einzelne Abschnitte erfolgreich absolviert werden. Zum anderen stehen die Jugendlichen bei einem Abbruch der Ausbildung nicht vor dem Nichts, da sie ihre Teilqualifikationen mitnehmen und später anrechnen lassen können“, sagt Dorn. Ein entsprechendes Pilotprojekt werde Ende 2007 in 25 Regionen und für zehn Berufe der dualen Ausbildung in Deutschland gestartet.

          Darüber hinaus spricht sich der IKBB für eine stärkere undvor allem unbürokratischere Förderung von schwächeren Schülern und Auszubildenden aus. Auch für die innovative Finanzierung solcher Hilfen liegt eine Idee vor: Es sollen verstärkt Ausbildungsstiftungen initiiert werden. Bestehende Stiftungen könnten motiviert werden, ihre Aktivitäten auf das bisher unterrepräsentierte Feld der Berufsbildung zu lenken.

          Zehn Leitlinien für die Zukunft

          Der Innovationskreis berufliche Bildung wurde von Bundesministerin Annette Schavan berufen mit dem Ziel, Perspektiven der beruflichen Ausbildung aufzuzeigen. Die Ergebnisse bringt die Ministerin ins Bundeskabinett ein.

          Die Mitglieder wurden als Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens aufgrund ihrer besonderen Kompetenz in der beruflichen Bildung und damit nicht zwangsläufig als Repräsentanten ihrer jeweiligen Institutionen berufen.

          Unter anderen gehörten dem Gremium an: Jutta Allmendinge (Wissenschaftszentrum Berlin), Raimund Becker (Vorstand der Bundesagentur für Arbeit), Susanne Bergmann (Daimler-Chrysler), Peter Clever (Arbeitgeber), Regina Görner (IG Metall), Claus Heinrich (SAP) sowie Vertreter verschiedener Ministerien und Regierungen.

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