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Beruf und Familie : Das Gefasel vom Neuen Mann

Neue Lasten - und neue Männer? Bild: iStock

In Diskussionen über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden Männer vergessen. Sie tragen wachsende Lasten, doch die Erfindung eines neuen Typus hilft nicht weiter.

          Das war ja schon mal ganz nützlich: Diese Woche waren beide Kinder krank. Gleichzeitig. Nicht der klassische Rhythmus: Erst ein Infekt, dann der andere, dann werden beide Eltern krank. Das hat schon mal die Koordination erleichtert. Fehltage, Wartezimmerzeiten, Kindertransport auf Fahrrädern bei minus fünf Grad und laufenden Nasen - das alles ließ sich auf ein Minimum reduzieren. Bald schon hatte uns der Alltag wieder, der normale Wahnsinn zwischen Kita und Konferenz, Abholen und Anamnese, Bettlektüre und Blattmachen.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          So oder ähnlich sieht das Leben vieler Eltern mit kleinen Kindern heute aus: beide berufstätig, die Stellen sind weit weg von ihrer Heimat, Großeltern können deshalb nur in besonderen Fällen aushelfen. Die Elternzeit wird so aufgeteilt, dass auch der Vater mehrere Monate Chefwickler und -milchkocher ist. Im Anschluss daran sind die beruflichen Herausforderungen enorm. Die Familienarbeit teilt sich vielleicht nicht exakt zwischen beiden Elternteilen auf, lastet aber in jedem Fall auf vier Schultern. Das heißt: Einkaufen häufiger mal vor der Arbeit, mit ein oder zwei Kindern im Schlepptau. Dabei tickt immer die Uhr. Der Kindergarten hat starre Bringzeiten, die Kita ebenso, und die Abläufe bei der Arbeit sind natürlich auch eng getaktet. Schon ein platter Reifen oder ein bockiges Kind kann da ein ganzes Organisationsgefüge zum Einstürzen bringen.

          Kann ganz schön hektisch werden: Der Alltag als Vater.

          Wer als junger Mann ernst genommen hat, was die Frauenemanzipation damals wollte, war darauf zumindest gedanklich gut vorbereitet: Karrieren richten sich in unserer Generation nicht mehr nur nach den männlichen Bedürfnissen. Pflichten teilen sich innerhalb einer Beziehung gleichmäßiger auf. Die familienpolitischen Reformen von Ministerin von der Leyen waren nicht der Auslöser dieses Trends, sie haben ihn aber verstärkt und unterstützt. Wie wohl jede Generation zuvor zelebriert die Altersklasse „Ü 30“ ihre Eigenheiten auf besondere Weise: Zeitschriften wie „Nido“ suggerieren, der Typus des Neuen Mannes sei entstanden. Berliner Hipster mit Rauschebart und Baby in der Tragetasche werden dabei romantisch zu Helden des Alltags verklärt.

          Im öffentlichen Diskurs nur eine Fußnote

          Doch das ist überzogen: Väter, die sich familiär eingebracht haben, gab es auch in den Vorgänger-Generationen zuhauf. Das Etikett „Neuer Mann“ verhöhnt sie. Dadurch, dass heute mehr Frauen voll im Berufsleben stehen als früher, müssen sich allerdings tatsächlich mehr Väter Gedanken darüber machen, wie sie Beruf und Familie in die Balance bringen. Trotzdem kommen sie im öffentlichen Diskurs über die Vereinbarkeit allenfalls in Fußnoten vor. Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wie sie ihren Alltag meistern.

          Hört man sich unter Vätern dieses Typs um, wird deutlich, dass es für sie selbstverständlich ist, Erziehungs- und Betreuungsaufgaben mit den Müttern zu teilen. Während eines Diskussionsabends in Frankfurt hat eine schwedische Schriftstellerin die Frage eines Moderators, wer denn angesichts ihrer Abwesenheit gerade auf die Kinder aufpasse, entwaffnend nüchtern gekontert: „Mein Mann ist zu Hause.“ Es geht nicht um Kümmern oder Opfer, sondern um eine völlig natürliche Arbeitsteilung. In skandinavischen Ländern ist man sicherlich einige Jahre weiter, diese Normalität zu leben. Doch gleichzeitig verhehlt keiner dieser Väter, wie herausfordernd die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für ihn ist.

          Was Frauen mit Kindern seit Jahrzehnten erleben, wird auch für sie zur Realität: Die knappe Zeit zwingt zu mehr Effizienz im Beruf. Karrierefördernde Kaffeetreffs oder lockere Bierrunden nach der Arbeit passen nicht mehr in den Tagesablauf. Während sich andere für höhere Aufgaben ins Gespräch bringen, sitzt der engagierte Vater an der Bettkante und denkt sich neue Strophen für „Lalelu“ aus.

          Das traditionelle Modell hat weniger Reibungsverluste

          Und wenn sich doch ein Karrieresprung anbietet, gerät das sorgfältig austarierte Familienmodell ins Wanken. So beschreibt jedenfalls ein Freund aus dem Finanzsektor die ungünstige Anreizstruktur. Danach kann ein Vater, der das traditionelle Rollenmodell lebt, etwa durch einen Wechsel ins Ausland sein Gehalt oft verdoppeln. Der Spielraum des berufstätigen Vaters ist dagegen mit seinen familiären Aufgaben begrenzt, und seine Frau kann womöglich nicht mehr mit ihrem Gehalt das Familieneinkommen steigern. Der Traditionalist ist also immer der Gewinner in einem solchen Vergleich.

          Das traditionelle Rollenmodell hat in verschiedener Hinsicht weniger Reibungsverluste zur Folge: Sind Aufgaben wie früher üblich klar verteilt, kommen sich Ehepartner seltener ins Gehege. Teilen sie diese dagegen neu auf, komme es plötzlich zu Konflikten übers Wäschewaschen, Einkaufen, Kinderabholen, beschreibt ein Freund, der drei Kinder und die Arbeit in einem Dax-Konzern unter einen Hut bekommt. Die Betreuungseinrichtungen, die Kindern bis in den Nachmittag hinein ein Hort der Geborgenheit sind, fangen zwar vieles auf. Doch gerade Kinder werden heute allzu oft in die Erfordernisse der Effizienz hineingepresst. Welche Disziplin wir ihnen etwa beim Anziehen oder auf dem Weg in den Kindergarten abverlangen, hat wenig mit unserer eigenen behüteten Kindheit zu tun.

          Von Vertretern der älteren Generation ist manchmal zu hören, dass es uns mit dem Ausbau von Betreuungsplätzen leichtgemacht werde. Das mag man so sehen. Aber etliche Altersgenossen überkommt das Gefühl, das demographische Fiasko ausbügeln zu müssen, dass die kinderarmen Jahrgänge vor ihnen angerichtet haben. Am Arbeitsmarkt erleben sie einen hohen Produktivitätsdruck, auch weil Fachkräfte durch effizientere Arbeitsprozesse kompensiert werden müssen. Zu zweit finanzieren derweil leistungsstarke Ehepaare die Rente der Ruheständler und die öffentlichen Ausgaben des Staats über ihre Steuerzahlungen. Gleichzeitig können (und, zugegeben: wollen) sie nicht mehr ein Elternteil dafür abstellen, Kinder großzuziehen, wie es früher möglich war. Wir sind dazu verdammt, das hinzubekommen. Dass ein Teil unserer Steuern dafür genutzt wird, uns das Leben ein bisschen zu erleichtern, scheint allzu gerechtfertigt.

          Väter mit Babys können sich mehr leisten als Mütter

          Väter, die sich einbringen, erleben manchmal kuriose Dinge: Es mag an einer gewissen männlichen Dreistigkeit liegen, es mag mit einer besonderen Solidarität von Männern untereinander zusammenhängen - jedenfalls können sich Väter mit Babys und kleinen Kindern mehr leisten als Mütter. In meinem Fall mag hinzukommen, dass man Journalisten ohnehin mehr durchgehen lässt, aber: Ich habe schon zahllose Interviews mit Baby auf dem Schoß geführt, ein Vorstandsvorsitzender trug vor einem gemeinsamen Mittagessen den Kinderwagen durchs Foyer seines Konzernsitzes, ein anderer Unternehmenschef nahm klaglos hin, sich in einem Stadtteil-Café statt einer Business-Lounge zum Gespräch zu treffen und meiner Tochter beim Malen zuzusehen. Einer Frau hätte man das wohl kaum zugestanden. Das macht manches leichter.

          Wer in den Jahren, bevor er Kinder hatte, Spitzenleistungen von sich gewohnt war, muss sich mit weniger zufriedengeben: Im Beruf, als Vater, als Partner gleichzeitig zu glänzen ist deutlich schwieriger, als wenn man sich nur in zwei Kategorien bewähren muss. Sich vom Anspruch zu lösen, überall perfekt zu sein, ist wahrscheinlich der erste Schritt, mit dem gewachsenen Druck klarzukommen. Ein Freund sagte kürzlich, wir müssten lernen, Mittelmäßigkeit in einzelnen Subsystemen zu akzeptieren. Es wäre versöhnlich, wenn seine Kinder ihm in zwanzig Jahren zurückmelden könnten, er habe beides anständig hinbekommen. Nicht als strahlender Held wolle er dastehen, sondern als jemand, der ganz okay war. Und dafür kann es weder eine To-do-Liste noch einen passenden Ratgeber geben. Vielmehr kommt es auf die innere Haltung an.

          Dieser Freund ist Arzt. In seinem Beruf erlebt er etwas, das für viele andere Arbeitnehmer bislang noch völlig aussichtslos erscheint: Der Arbeitsmarkt ist so eng, dass im Gesundheitswesen viele neue Modelle ausprobiert werden. So ist es zum Beispiel nicht unüblich, dass Führungspositionen auch an Teilzeitkräfte vergeben werden. Mediziner sind in dieser Hinsicht vielleicht wirklich die Avantgarde: Sie proben ein neues Führungsverständnis, das die Vorstellung hinterfragt, Entscheidungsstärke lasse sich durch Anwesenheit oder ein hohes Arbeitspensum erreichen. Die Ärzteschaft lernt gerade, was vielleicht in zwei Jahrzehnten normal ist: Wer sich um vier Uhr zum Kinderturnen verabschiedet, muss kein schlechter Chef sein. Auch das ist in Skandinavien längst eine Binsenweisheit.

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