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Beruf: Musiker : Wo geht es hier zum Orchester?

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Im Orchestergraben ist nicht viel Platz Bild: picture-alliance/ dpa

Stundenlange Proben, kurze Mittagspausen, abendliche Auftritte: Der Musiker arbeitet, wenn andere freihaben. 250 Mal Fidelio, Einstiegsgehalt von 1380 Euro - und schwierige Dirigenten. Das muss ein Orchestermusiker ertragen.

          Die Hauptpersonen gehen durch den Nebeneingang ins Haus. Hier ist es eng, eine Mischung aus Luftschutzkeller und Schiffsbauch, niedrige Gänge, ungezählte Türen. Die Arbeitszimmer, Garderoben genannt, sind winzig. Aber die Atmosphäre stimmt.

          Hier liegt etwas in der Luft, wenn sich die Wege der Musiker kreuzen zwischen Kantine, Einspielzimmer und Orchestergraben. Barbara Mayr, die Solo-Harfenistin im Museumsorchester der Frankfurter Oper, teilt sich zehn Quadratmeter mit ihrer Kollegin und zwei Harfen.

          Die eine vergoldete ist 70.000 Euro wert und steht in der Mitte des Raums. An der Wand alte Konzertplakate aus Nürnberg und Paris, darunter ein Sofa. "Zum Üben reicht es", sagt die Musikerin, "das letzte Zimmer war noch kleiner." Im Orchestergraben ist auch nicht viel Platz. Hier sitzen die Musiker Bein an Bein. Wer Orchestermusiker werden will, darf Kontakt mit seinen Mitmenschen nicht scheuen.

          Probespiele dauern stundenlang

          Die Ausbildung eines Orchestermusikers und die Orchestererfahrung während des Studiums sind maßgeblich für sein späteres Engagement. Starke Nerven sind gefragt, das Probespiel bei der Bewerbung ist eine echte Herausforderung. Zumeist tritt der Aspirant mit vielen anderen Bewerbern an und spielt hinter dem Vorhang. Das Spiel soll von Äußerlichkeiten nicht beeinflusst werden. Beim Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks etwa, einem A-Orchester mit 120 Musikern, ist das Orchester nahezu komplett anwesend, um zu prüfen, ob der Klang ins musikalische Konzept passt. Probespiele dauern stundenlang. Dem klassischen Konzert der ersten Runde folgt ein Werk aus der Romantik. In die dritte Runde schafft es nur eine kleine Auswahl. Bei den "Orchesterstellen" kann der Bewerber zeigen, wie gut er schwierige Partien aus der Orchesterliteratur bewältigt. Aber auch Glück muss bei dieser Bewährungsprobe im Spiel sein.

          Eine Position fürs Leben

          Die Aspiranten sind etwa Mitte zwanzig, frisch ausgebildet und müssen dennoch möglichst viel Spielpraxis nachweisen. Das Alter von 35 Jahren gilt gemeinhin als Schallgrenze für Bewerbungen oder Wechsel in andere Orchester. Die Position, für die ein Bewerber eingestellt wird, Erste oder Zweite Geige etwa, bleibt ihm in der Regel zeitlebens erhalten. Karrieresprünge sind dennoch nicht ausgeschlossen, innerhalb eines Orchesters aber selten. An welche Kategorie von Orchestern (A, etwa Museumsorchester oder HR-Sinfonieorchester, bis D, beispielsweise Gießen) ein Musiker kommt, hängt von der Ausbildung und dem Stellenangebot ab. Die finden sich etwa in der Zeitschrift "Das Orchester", die elfmal im Jahr erscheint (Schott, Mainz) oder aber in den Homepages der Orchester.

          Das Einstiegsgehalt in D-Orchestern liegt bei 1380 Euro, Unverheiratete erhalten einen Ortszuschlag von 502 Euro. Je nach Position gibt es Zulagen (etwa für Solisten). In einem B-Orchester verdient man anfangs 1536 Euro, in einem A-Orchester 1960 Euro plus Ortszuschlag und Zulagen. "Orchestermusiker ist ein gefährlicher Beruf", sagt Claus Strulick von der Deutschen Orchestervereinigung, welche als Gewerkschaft die Interessen der Musiker vertritt. "Es gibt immer weniger Stellen, die Thüringer Musiker erleben gerade, wie ihre Orchester geschlossen werden." Wer es nicht in ein Orchester schafft oder wem es dort nicht behagt, unterrichtet häufig an Musikschulen, die es in jeder größeren Stadt gibt.

          Unbedingt hierarchisch organisiert

          Ein Orchester ist unbedingt hierarchisch organisiert. "Das geht auch überhaupt nicht anders bei mehr als hundert Musikern, zu denen auch mal ein Chor mit weiteren hundert Sängern kommt", sagt Armin Wunsch, Leiter des Orchesterbüros beim HR-Sinfonieorchester. "Erster Ansprechpartner für Dirigenten ist der Konzertmeister. Umgekehrt würden die Tuttisten ohne solistische Aufgaben ihr Anliegen idealiter beim Stimmführer, etwa der Solobratsche, vorbringen."

          Nicht nur große, berühmte Orchester zählen. Die kleineren haben ebenso wichtige kulturelle Aufgaben. Stefan Waldeck vom Orchesterbüro des Stadttheaters Gießen sagt: "Wir sind ein klassisches Dreispartenhaus. Für die Musiker bedeutet das zwölf Konzerte im Jahr und bestimmte, für unsere Bühne geeignete Opern. In einer mittleren Stadt spielen die Musiker eine größere Rolle, ist Vielsei-tigkeit gefragt, Opern- und Konzerterfahrung gleichermaßen."

          Die stundenlangen Proben, kurzen Mittagspausen und abendlichen Auftritte gehören zum Berufsalltag. Der Musiker arbeitet, wenn die anderen freihaben. Nach der 250. Aufführung von "Fidelio" hat die Oper für den Musiker längst den Reiz verloren.

          Das muss er mit Erfahrung ausgleichen. Dass jeder Dirigent die in- und auswendig bekannte Musik wiederum anders interpretiert, gehört zum Musikerleben. Die "Muggen", kurz für musikalische Gelegenheitsgeschäfte, lockern das Berufsleben auf. Sie schulen die spielerischen Fähigkeiten und bringen zusätzlich Geld.

          Ein neuer Dirigent bringt immer frischen Wind mit, der jedem Orchester guttut. Für manchen wird er mit der Zeit zum Intimfeind. Das ist ein offenes Geheimnis, mit dem beide Seiten leben. Denn ohne Dirigenten geht es nicht.

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