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Finanzbranche : Der Bankkaufmann hat ausgedient

Doch in der aktuellen Sparrunde sortieren die großen Banken auch in ihren Zentralen gnadenlos aus. Die Verwaltungsprozesse werden zunehmend digitalisiert, was noch vor Kurzem Frauen und Männer machten, übernehmen nach und nach die Computer. So will Martin Zielke, der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, in den nächsten drei Jahren 80 Prozent der Geschäftsprozesse digitalisieren und dafür dann mit 9600 Mitarbeitern weniger auskommen. John Cryan hat an der Spitze der Deutschen Bank ähnlich ambitionierte Sparziele und fand kürzlich auf einer Konferenz drastische Worte dafür, wie sehr die Bankbranche von den technologischen Neuerungen umgekrempelt wird. „Junge Leute werden schon bald den Nutzen einer traditionellen Bank nicht mehr erkennen“, sagte Cryan. „Wir müssen die neuen Technologien übernehmen und uns an die neuen Arbeitsformen anpassen. Sonst bleiben wir zurück.“

Junge, mach was Solides, geh zur Bank! So sahen es die Eltern von Postbankchef Frank Strauß.

Wie wenige Menschen im modernen Bankgeschäft auch in vergleichsweise großen Häusern gebraucht werden, zeigt das Beispiel ING Diba. Gemessen an ihren acht Millionen Kunden, ist die Direktbank, die nur über das Internet und per Telefon zu erreichen ist, die drittgrößte Bank in Deutschland. Sie erledigte zuletzt Bankgeschäfte im Wert von 137 Milliarden Euro mit gerade einmal 4000 Mitarbeitern. Zum Vergleich: Die Postbank, bei der vieles noch in Filialen erledigt wird, kommt mit ihren 14 Millionen Kunden auf eine Bilanzsumme von 155 Milliarden Euro; beschäftigt dafür aber viermal so viele Mitarbeiter wie die ING Diba. So ist es auch die Bonner Traditionsbank, bei der nun abermals Tausende Stellen wegfallen dürften, wenn die Deutsche Bank sie nach Jahren der Ko-Existenz komplett mit ihrem eigenen Privat- und Firmenkundengeschäft zusammenlegen will – die nächste große Aufgabe für den ehemaligen Eishockey-Profi Frank Strauß.

Die einstigen Langweiler sind gefragter denn je

Nur zwei Sparten hat John Cryan von seinem rigorosen Sparprogramm für die Deutsche Bank ausgenommen: die IT-Abteilungen, in denen der digitale Wandel der Bankgeschäfte vorangetrieben werden soll, wo neue Apps und stabile Computersysteme entwickelt werden, sowie die Abteilungen, welche die Einhaltung aller Regeln überwachen sollen (Compliance). So sind es vor allem die Computerfachleute und die Regulierungsprofis, für welche die Bankbranche nach wie vor jede Menge Arbeit bereithält. Ausgerechnet die einstigen Langweiler sind im Bankenviertel gefragter denn je.

„Früher wurden in die Compliance-Abteilungen eher die Mitarbeiter abgeschoben, die woanders nicht mehr gebraucht wurden“, sagt etwa Patrick Riske, Partner der Frankfurter Personalberatung Fricke Finance & Legal. „Heute gibt es dafür eigene Studiengänge, und die Preise für Regulierungsfachleute steigen seit Jahren.“ Und der Brexit dürfte diese Entwicklung erst einmal verschärfen, denn: „Die Banken, die wegen des Brexits nach Frankfurt kommen, brauchen genau die Mitarbeiter, die ohnehin schon knapp sind.“

In den Austritt der Briten aus der Europäischen Union legen die Standortvermarkter am Finanzplatz Frankfurt große Hoffnungen. Goldman Sachs, die Citigroup und Morgan Stanley sowie diverse asiatische Banken haben schon verkündet, dass sie nach dem Brexit Frankfurt zu ihrem neuen Zentrum für Kontinentaleuropa ausbauen wollen. Allein Goldman Sachs könnte die Zahl seiner Mitarbeiter von derzeit knapp 200 sukzessive auf 800 erhöhen. Deutsche-Bank-Chef Cryan hat schon einmal die Zahl von 4000 Mitarbeitern in den Raum gestellt, die künftig nicht mehr in London, sondern am Stammsitz arbeiten könnten. So kommen die Lobbyisten des Finanzplatzes schnell auf 10.000 neue Arbeitsplätze in Banken.

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