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Berater auf der Leinwand : Kohle, Sex und fiese Typen

Das Leben als Berater ist eine große Party: Szene aus „House of Lies“ Bild: Patrick Ecclesine/Copyright:Show

Unternehmensberater geben in Film und Fernsehen oft ein miserables Bild ab. Dem Image dieses Berufs schadet das seltsamerweise nicht. Im Gegenteil.

          „Der Dreck ist draußen.“ Der Satz des Unternehmensberaters Öllers zu seiner Kollegin Bianca ist oberflächlich auf den Schmutzfleck an der dicken Fensterscheibe des Luxushotels gemünzt. Aber die Szene steht exemplarisch für das Bild, das der Film „Zeit der Kannibalen“ vom Beruf der Consultants entwirft: Ichbezogen, karrieregeil und nur auf Geld fixiert, die Kunden sind nur gesichtslose Mittel zum Zweck. Das Leben von Öllers, wunderbar skrupellos von Devid Striesow dargestellt, und seiner beiden Kollegen spielt sich nur innerhalb von Nobelherbergen in irgendwelchen Entwicklungsländern ab. Heute Indien, morgen Nigeria - die Kulisse ist Nebensache. Mal rausgehen in die Stadt? Land und Leute kennenlernen? Bloß nicht. Im kühlen Mikrokosmos aus Stahl und Glas lassen sich Neurosen doch auch viel besser pflegen als in der Wirklichkeit. Öllers’ Kollege Niederländer etwa trainiert täglich Kofferpacken auf Zeit - im Dunkeln. Und verirrt sich doch einmal ein Moskito in diese klimatisierte Zone, wird das halbe Hotelpersonal zur Jagd aufgescheucht. Ein Einzelfall?

          Aus dem Film „Zeit der Kannibalen“
          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Mitnichten. Zumindest steht die deutsche Produktion, die in den kommenden Wochen in den Kinos startet, in der Tradition vor allem amerikanischer Filme und Fernsehserien, die die Beraterbranche in einem ähnlich ungünstigen Licht dastehen lassen. George Clooney etwa spielt in „Up in the Air“ den smarten Ryan Bingham, dessen Lebensziel es zu sein scheint, die Zehn-Millionen-Frequent-Flyer-Meilen-Schallmauer zu durchbrechen. Sein Leben „on tour“ ist perfekt eingerichtet, im Gegensatz zu seiner Wohnung, die er möglichst wenig aufsucht. Persönliche Bindungen zu Familie oder Freunden? Fehlanzeige. Seine heile Welt gerät erst ins Wanken, als sein Arbeitgeber die Reisetätigkeit drastisch reduzieren will. Bingham, der Veränderungsweltmeister, zumindest wenn es um andere geht, sieht sich plötzlich selbst bedroht und muss kämpfen.

          Klaus Reiners hat den Film gesehen. „Mit den deutschen Verhältnissen hat das gar nichts zu tun“, findet der Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater. Während Clooney alias Bingham mit tausendmal benutzten Standardsätzen Mitarbeitern in den Kundenunternehmen ihre Kündigungen schmackhaft macht, sei das nach hiesigem Recht gar nicht möglich, sagt Reiners. Ob das der deutsche Zuschauer auch so gut trennen kann?

          „Die Rambo-Nummer hat ausgedient“

          Sicherlich werde in der öffentlichen Wahrnehmung schon vieles in einen Topf geworfen, räumt Reiners ein. „Wenn ich sehe, wie wir da rüberkommen, wirkt das schon abschreckend.“ An diesem Bild trage die Branche aber auch eine gewisse Schuld, weil das Auftreten von Beratern auch hierzulande lange Zeit von einem „Überlegenheitsgefühl“ geprägt gewesen sei. Mittlerweile hätten sich jedoch sowohl Arbeitsweise als auch Selbstverständnis geändert. „Irgendwo hinkommen, Konzepte und Maßnahmen entwickeln und wieder verschwinden - das reicht heute nicht mehr.“ Rund 90 Prozent der Mandate sind laut Reiners heute Umsetzungsberatungen. Für diese auf längere Zeit angelegte Begleitung des Kunden seien „weiche Faktoren und Sozialkompetenzen“ gefragt. „Die Rambo-Nummer hat ausgedient“, findet Reiners.

          Dass Film und Fernsehen in diesem Punkt der Wirklichkeit noch hinterherlaufen und damit einen Teil der öffentlichen Wahrnehmung prägen, bereitet ihm wenig Sorgen. Die Kandidaten wüssten schon genau, was sie erwartet. Die Gehaltsansprüche junger Leute seien ohnehin hoch - was Reiners angesichts der Belastungen aber auch für berechtigt hält. „Die Arbeitszeiten in unserem Beruf sind herausfordernd, daran gibt es nichts zu deuteln.“ In diesem Punkt übertreiben Film und Fernsehen also nicht.

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