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Behindert im Beruf : Blind, nicht blöd

  • -Aktualisiert am

Das Klima im Team ist so wichtig wie die fachliche Leistung Bild: Agata Skowronek

Nur ein knappes Drittel der Sehbehinderten und Blinden arbeitet. Dabei gibt es viele Arbeitsplätze, an denen sie genauso viel leisten können wie jeder andere - manchmal sogar mehr.

          Es ist Mittwochmorgen, 7.30 Uhr. Siegfried Saerberg sitzt in der S-Bahn nach Dortmund und klappt seinen Laptop auf, das Startgeräusch ertönt. "Ich bin ganz froh, dass ich das Signal habe", sagt Saerberg. Von den umsitzenden Pendlern verzieht dazu keiner eine Miene, auch nicht, als leises Brabbeln aus dem Gerät ertönt. "Ich muss mal eben meinen Vortrag suchen", sagt Saerberg. Gebeugt horcht er in den Rechner hinein, während die Computerstimme die Ordnernamen herunterrasselt. Dann setzt Saerberg die Kopfhörer auf, um sich auf das Seminar einzustimmen, in dem er heute eine Gruppe Sonderpädagogikstudenten in die Grundlagen der Feldforschung einführen will.

          Schon als Kind ist Siegfried Saerberg durch eine Netzhauterkrankung allmählich erblindet. Seine Behinderung motivierte ihn zur Auseinandersetzung mit Mobilität. Er schrieb seine Abschlussarbeit in Soziologie über "Blinde auf Reisen" und promovierte über die Raumorientierung blinder Menschen. Die praktische Kostprobe dazu liefert Saerberg auf dem Universitätsgelände, wo er zielsicher auf eines der Gebäude zusteuert. Nicht nur einzelne Geräusche helfen, auch Schallreflexionen an Wänden, Decken, Gegenständen und die typischen Grundklänge eines Platzes, einer Halle oder Landschaft.

          Ohne Zögern der richtige Name

          Im Seminarraum hat Saerbergs Assistentin schon den Beamer installiert. "Wie viele sind wir?", fragt Saerberg. Ein Dutzend Stimmen ertönen, denen der Dozent ohne Zögern den richtigen Namen zuordnet. Es geht um die "Soziologie des Schmerzes". Aus der Theorie entwickelt sich bald ein Gespräch über Schmerzempfindung. Am Nachmittag folgt Saerbergs Spezialthema: die Konstruktion des Raumes in der Begegnung Blinder und Sehender.

          Sein Chef war erst misstrauisch: Der Soziologe Siegfried Saerberg unterrichtet an der Uni Dortmund

          "Herr Saerberg ist ein ausgezeichneter Phänomenologe. Er holt die Studenten ab, wo sie stehen", lobt Professor Ronald Hitzler, Ordinarius am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie, seinen Mitarbeiter später. Dabei sei er selbst anfangs "stärkster Bedenkenträger gegen den Lehrauftrag" gewesen, gibt er zu. Würde Saerberg mit den Studenten zurechtkommen? Oder müsste sich das ohnehin schon belastete Team von nun an ständig um ihn bemühen? Doch Saerberg organisierte sich die nötigen technischen Hilfsmittel selbst. Nach etlichem Hin und Her mit Arbeitsagenturen, Integrationsfachdienst, Herstellern und Uni-Verwaltung kam schließlich die komplette Ausrüstung zusammen: eine stationäre und eine mobile "Braillezeile", die Computertexte in die Punktschrift für Blinde umwandeln, ein "Screenreader", der die Windows-Oberfläche zugänglich und Texte hörbar macht, ein Scanner, ein Blindenschriftdrucker und der Laptop. "Literatur recherchieren und markieren, Folien entwerfen, Referate lesen, hören, ausdrucken und korrigieren ist damit Routine", sagt Saerberg.

          Auch Fatima Haidar arbeitet an einem speziell ausgerüsteten Computer, ihrer befindet sich in der Deutschen Bank. Sie betreut Geschäftskunden im Business-Service-Center. "Die Sprachausgabe ist eine große Hilfe, ich höre die E-Mails der Kunden ab, das geht schneller als das Tasten auf der Braillezeile", erläutert die Angestellte, die vor ihrer Erblindung Mathematik, Physik und Informatik studiert hat. Das Unternehmen hatte die inzwischen 49 Jahre alte Mitarbeiterin vor zwölf Jahren mit zwei weiteren Absolventinnen von Bürokommunikationslehrgängen direkt über das Berufsförderungwerk in Düren - eine von bundesweit zehn Aus- und Weiterbildungsstätten für Blinde und Sehbehinderte - zu einem Praktikum eingeladen. "Bei uns bewerben sich kaum Behinderte", berichtet Angela Meurer, die Schwerbehindertenvertreterin in der Bankzentrale in Frankfurt.

          „Wenn ich etwas nicht kann, sage ich es“

          Die fachliche Leistung ist die eine Seite, das Teamklima die andere. "Man muss fragen", betont Haidar, bei der vor knapp zwanzig Jahren eine Netzhauterkrankung ausgebrochen ist. "Bringst du mir bei, wie diese Kaffeemaschine funktioniert?", habe sie zum Beispiel eine Kollegin gebeten. "Wenn ich etwas nicht kann, sage ich es. Das ,BL' im Schwerbehindertenausweis steht für ,blind', nicht für ,blöd'", entgegnet sie gerne, wenn andere ihr etwas nicht zutrauen. Einmal zeigen, einmal üben, dann allein das Neue wagen - Blinde müssen risikofreudig sein.

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