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Auszeit im Kloster : Stille gegen den Stress

Abends hält Schwester Eligia eine Schweigemeditation. „In Amerika wird das als Mindful Space Stress Reduction angeboten, damit die Leute funktionstüchtig für den Alltag werden. So wird Meditation instrumentalisiert, da stellen sich mir die Haare auf“, sagt die studierte Psychologin. „Im Kloster machen wir eine Reise auf christlicher Basis, um mit der Stille in Berührung zu kommen und dem Göttlichen in uns selbst zu begegnen.“

An der Pforte schart sie die Teilnehmerinnen um sich. Selten schweigt ein Mann mit. Wir gehen in den kahlen Raum und in uns. Es gibt Stühle oder wahlweise Decke und Bänkchen und zum Glück dann doch keinen meditativen Tanz. Die gebotene Stille ist Herausforderung genug: Zweimal 20 Minuten still sitzen, die Hände in den Schoß legen, auf den Atem hören und schweigen, unterbrochen von fünf Minuten, in denen wir alle um den Stuhlkreis gehen. Erstaunlicherweise ist das kein bisschen peinlich. Schwester Eligia leitet diese „Stille vor Gott“ mit einem Psalmenspruch ein und weiß sich in guter Tradition. „So haben Mystiker und Weisheitslehrer aller Kulturen ihre Erfahrungen zum Ausdruck gebracht.“ Die hochgewachsene Schwester mit der angenehmen Stimme macht eine Körperkreuzmeditation: Gemeinsam strecken wir die Arme aus, richten sie empor, senken sie in die Körpermitte, führen sie zusammen, beugen sie zum Boden – „wir sind dieser Erde verantwortlich“ – und heben sie abermals hoch. Die Augen sind geschlossen, so findet jeder seinen eigenen Rhythmus. Das richtet auf, erdet und fühlt sich gut an. Die folgenden zwanzig stillen Minuten ziehen sich endlos hin, bis die Klangschale ertönt. Schweigen will gelernt sein. Die ersten zehn Minuten klappt das Zur-Ruhe-Kommen überhaupt nicht, im Kopf schweifen Gedanken ab an To-do-Listen, ob die Werdenfelsbahn Richtung München pünktlich ist, welche Abgabetermine der Montag fordert. Und so weiter und so weiter. Zwanzig Minuten sind lang. Sehr lang. Erst nach der Halbzeit leert sich der Kopf. Irgendwie denkt man an nichts. „Um etwas Neues zu denken, muss das Alte vergehen“, wird Schwester Helga-Gabriela später erklären. Diese Ruhe fühlt sich gut an. Ob sie sich in den Alltag retten lässt? So ganz ohne charismatische Gruppe?

„Im Kloster muss man sich nicht hervortun“

Fragen, die die 17 Schwestern gerne klären helfen. Sie sind zu Gesprächen bereit. Zu erzählen haben sie viel. Schwester Eligia ist nach dem Abitur im Allgäu in den Orden eingetreten und hat 1971 den Befreiungstheologen Dom Hélder Câmara in München erlebt. „Da ging mir das Herz für Brasilien auf.“ 26 Jahre hat sie in Südamerika gewirkt, mit Straßenkindern und im psychologischen Schuldienst gearbeitet. Ihr Heimweh ist nie ganz versiegt. Die Fünfundsiebzigjährige hat viel Armut erlebt. „Es gab Familien, die Baumrinde gekocht haben, um satt zu werden.“ Unsere Wegwerfgesellschaft zu sehen fällt ihr schwer. Die Bernrieder Schwestern begnügen sich zweimal in der Woche mit Resteessen. „Bitte hängen Sie das nicht an die große Glocke.“ Aber das wäre doch eine Anregung für andere? Die Schwester stimmt zu. Ordensleben ohne Besitz fasziniert die Besucher. Wie die meisten Gäste nächtigen die Schwestern auf neun Quadratmetern: Bett, Tisch, Stuhl, Wandschrank, Nasszelle, schlicht, aber meist mit sensationellem Seeblick. Der Handyempfang ist mau. Was durchaus gewünscht ist.

Für die spätberufene Schwester Helga-Gabriela fühlt sich das stimmig an. Anfangs sei es seltsam gewesen, sich von der EC-Karte und dem unabhängigen Leben in Berlin zu verabschieden. Jetzt muss sie ihre Oberin fragen, wenn sie Geld braucht für neue Schuhe. „Das ist kein Mangel, sondern Ballast, der befreit.“ Auch für Schwester Beate war der Ruf in ein anderes Leben stärker. „Im Kloster muss man sich nicht hervortun durch Leistung, Können, Schönheit. Wir sind bezogen auf Gott.“ Man glaubt es ihnen aufs Wort. Auf ein Wiedersehen.

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