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Auswanderung : Grenzgänger auf Zeit

Liegt das Glück wirklich in der Ferne? Bild: picture-alliance/ dpa

Die Zahl der Auswanderer aus Deutschland steigt. Doch viele sammeln nur Erfahrung im Ausland und wollen zurückkommen, wie eine Studie zeigt.

          Die Deutschen werden mobiler. Jeder Vierte kann sich vorstellen, seinen Lebensmittelpunkt zumindest für eine bestimmte Zeit ins Ausland zu verlegen, wie aus einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervorgeht, für die Daten von 2000 Befragten ausgewertet wurden. Allerdings gaben nur 2 Prozent an, auch konkret einen Umzug zu planen. Für die meisten Auswanderungswilligen kommt zudem nur ein Aufenthalt auf Zeit jenseits der Grenzen in Frage. Für die Zukunft rechne er mit einer „verstärkten Wanderungsbereitschaft, aber auch mit einem wachsenden Rückstrom“, sagte Jürgen Schupp, der Autor der Studie.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Während in den neunziger Jahren vor allem aus Osteuropa viele Deutsche ins Land kamen und für einen positiven Wanderungssaldo sorgten, kehrte sich der Trend vor drei Jahren um: 2005 schrumpfte die Bevölkerung in Folge von Wanderungsbewegungen um fast 17.000 Personen. Im Jahr 2006 waren es dann nach Angaben des Statistischen Bundesamtes schon gut 52.000 mehr Abgänge als Zugänge. Über die Beweggründe gibt die Statistik jedoch keinen Aufschluss.

          Rentner auf Mallorca und fliehende Ärzte

          Migrationsforscher weisen auf die Vielzahl der möglichen Motive hin. Unter den Abwanderern können sich sowohl Rentner befinden, die ihren Lebensmittelpunkt in Mallorca haben, wie auch die typischen Arbeitsmigranten. Ein bekanntes Beispiel während der vergangenen Jahre waren Ärzte, die die vermeintlich besseren Rahmenbedingungen nach Großbritannien oder Skandinavien lockten. Nach Angaben der Bundesärztekammer zieht es aktuell nur noch jeden zweiten Medizinstudenten nach dem Examen in die klassische Medizin. Die anderen spielten häufig mit dem Gedanken, ihre Koffer zu packen, was zu einem gravierenden Ärztemangel in einigen Regionen Deutschlands führt. In jüngster Zeit berichten Migrationsforscher häufiger, dass enttäuschte Russlanddeutsche in den Osten zurückkehrten. Auch sie werden in der Statistik als Abwanderer geführt.

          Das DIW hat deshalb im Rahmen des sozioökonomischen Panels die Motive für eine mögliche Auswanderung abgefragt. Aus diesen Daten geht hervor, dass in der Vergangenheit gesammelte Auslandserfahrungen etwa im Rahmen des Studiums und soziale Kontakte in möglichen Zielländern eine entscheidende Rolle spielen. Rund ein Fünftel der Abwanderungswilligen lebte schon einmal mehr als ein Jahr in der Ferne und verfügt über gute Fremdsprachenkenntnisse. Das Bild des unerfahrenen Auslandspioniers, der sich blauäugig ins Abenteuer stürze, entspricht nicht der Realität, schreibt das DIW. Die mit Abstand beliebtesten Ziele liegen im europäischen Ausland.

          Selbständige bleiben, Akademiker zieht es zurück

          Häufig stehen die Auslandskontakte mit der Karriere in Verbindung. Rund zwei Drittel der Auslandserfahrenen waren wegen des Berufs oder der Ausbildung dort. Interessanterweise spielen Selbständige häufiger mit dem Gedanken, ihren Lebensmittelpunkt dauerhaft ins Ausland zu verlegen, während vor allem Akademiker in der Regel eine spätere Rückkehr nach Deutschland vorsehen.

          Die Frage, ob es einen Trend der steigenden Abwanderung von Hochqualifizierten („brain drain“) aus Deutschland und damit eine deutliche Schwächung des Standortes gibt, beschäftigt Wissenschaftler schon länger. Migrationsforscher wie Thomas Straubhaar, der Präsident des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts, warnen vor voreiligen Schlüssen auf Grund des jüngsten Anstiegs in der Statistik. Wenn Deutsche auf Zeit ins Ausland gehen, dort Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen, profitiere nach ihrer Rückkehr die hiesige Volkswirtschaft davon enorm. Dann ist nicht von einem Wissensabfluss, sondern viel mehr von einem -austausch die Rede, sagt Straubhaar. Erst wenn zunehmend Akademiker und Fachkräfte sich für immer in der Fremde niederließen, leide auch die heimische Wirtschaftskraft – sofern nicht qualifiziertes Personal aus anderen Ländern einwandere. Doch ein solcher Trend lässt sich aus der DIW-Studie nicht ablesen. „Einen nennenswerten und dauerhaften Wissensverlust kann man nicht feststellen“, sagt Autor Schupp.

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