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Aussehen und beruflicher Erfolg : Schöne neue Arbeitswelt

  • -Aktualisiert am

Helfen anonyme Bewerbungen? Fachleute sind uneins. Bild: dpa

Mehr als 60 Prozent der Arbeitnehmer denken, dass der berufliche Erfolg vom Aussehen abhängt. Ernüchternd, aber zumindest ein wenig wahr. Denn Studien zeigen, dass die Befragten mit dieser Vermutung nicht ganz so falsch liegen.

          Gute Zeugnisse, Studium, und möglichst viele passende Praktika: So lautet ein weit verbreitetes Credo für einen gelungenen Start ins Berufsleben. Das alles klingt nach objektiven Zutaten eines erprobten Erfolgsrezepts. Zumindest aber nach solchen, die man mehr oder weniger durch Leistung beeinflussen kann. Doch die Deutschen wollen an die Macht solcher handfesten Qualifikationen nicht so wirklich glauben, scheint es: In der Studie „Arbeitsmarkt 2013 – Perspektive der Arbeitnehmer“, die der Personaldienstleister Orizon in Auftrag gegeben hat, halten mehr als 60 Prozent der Befragten Schönheit für einen entscheidenden Erfolgsfaktor.

          In der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren sehen sogar fast 70 Prozent einen starken Zusammenhang zwischen Aussehen und Aufstieg. Wer einen attraktiven Job haben wolle, müsse selbst attraktiv sein, so die verbreitete Meinung. Vor zwei Jahren waren gerade mal 51 Prozent der Befragten dieser Ansicht. Doch woher kommen solche Einschätzungen? Und wie viel Wahres steckt dahinter?

          Das Bewerbungsfoto spielt eine große Rolle

          Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes überrascht die öffentliche Wahrnehmung nicht. Sie sieht in den hierzuland üblichen Bewerbungsverfahren ein großes Problem:  „In kaum einem anderen Land der Welt spielen das Bewerbungsfoto und andere, detaillierte Angaben zum Bewerbenden eine so große Rolle wie in Deutschland“, sagt sie. Schließlich sei es in Zeiten des Fachkräftemangels im Interesse der Unternehmen die Besten und nicht nur die Schönsten zu rekrutieren.

          Erst im vergangenen Jahr machte ein Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle deutlich, dass anonyme Bewerbungen mehr Vielfalt in die Unternehmen bringen. Denn ungerecht selektiert würde vor allem im ersten Schritt eines Bewerbungsverfahrens: Bei der Einladung zum Vorstellungsgespräch. Lebensläufe mit Fotos, Angaben zu Namen und Alter, würden Personalchefs von der Qualifikation des Bewerbers ablenken und sie dazu zu verleiten nach oberflächlichen Kriterien zu urteilen und voreilige Schlüsse zu ziehen. Klar im Nachteil seien dadurch Frauen um die 30, denen sofort ein Kinderwunsch unterstellt wird und Zuwanderer, bei denen mangelnde Sprachkenntnisse vermutet werden: Bevor man je ein Wort mit ihnen gewechselt hat. Auch Bewerbungsfotos sieht die Antidiskriminierungsstelle kritisch: „Bilder setzen beim Betrachtenden ganz zwangsläufig emotionale Assoziationen frei, die vom Blick auf die Qualifikation ablenken“, sagt Christine Lüders. Meistens passiere das unbewusst. Aber natürlich gibt  es auch Konzerne, bei denen Schönheit zur Vermarktungsstrategie gehört. Ein berühmtes Beispiel dafür ist „Abercrombie & Fitch“. Die amerikanische Kleiderkette ist dafür bekannt, bewusst nur gut aussehende Männer als Verkäufer einzustellen, weswegen sie auch schon mehrmals wegen Diskriminierung verklagt wurde.

          Von einer gesetzlichen Regelung der Bewerbungsprozesse ist deshalb trotzdem noch lange nicht jeder Experte überzeugt. Armin Trost, Professor für Human Resource Management an der Hochschule Furtwangen, glaubt etwa, dass die private Wirtschaft ohnehin längst weiter ist, als der Staat es wahrhaben will. „Staatliche Verordnungen halten Unternehmen, die diskriminieren nicht davon ab und fallen bereits sensibilisierten Firmen zur Last“, sagt er. Er findet das Bewerbungsverfahren mit Fotos durchaus Vorteile haben, zumindest aber eine Daseinsberechtigung.  „Auswahlprozesse sind keine rein technischen Verfahren, da geht es auch um menschliche Komponenten: Wie kommt der Bewerber rüber. Wie sieht er aus“, sagt der Psychologe. Zudem würde das Schwärzen von Angaben die Auswahl verzögern, was im internationalen Wettbewerb von Nachteil wäre.

          Die Befürworter der anonymisierten Bewerbung halten dagegen: Das aufwändige Schwärzen von Daten könnte man leicht durch standardisierte Online-Formulare umgehen, schlägt die Antidiskriminierungsstelle vor.

          Ob Personaler attraktiven Bewerbern tatsächlich - bewusst oder unbewusst - den Vorzug geben, ist in der aktuellen Studie jedenfalls nicht überprüft worden. Dass es aufgrund des demographischen Wandels immer weniger Fachkräfte gibt, lässt Experten bereits heute daran zweifeln, ob Unternehmen sich eine Auswahl nach Äußerlichkeiten überhaupt noch leisten können. Und auch wenn die Deutschen einen starken Zusammenhang zwischen Attraktivität und Erfolg sehen, so glauben immerhin weit über 90 Prozent daran, dass „Leistung und Motivation“ die wesentlichen Zutaten zum Erfolgsrezept sind.

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