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Ausbildung zum Bankkaufmann : Die Banking-App braucht keine Lehre

Schlange war gestern Bild: INTERFOTO

Filialen schließen und Kunden erledigen immer mehr Geschäfte online und über das Smartphone. Was macht das mit der guten alten Banklehre?

          Wenn ein Kunde heute eine Rechnung begleichen will, geht das mit wenigen Klicks. Mit seinem Smartphone kann er sie abfotografieren, eine App erkennt, wer der Empfänger welchen Betrags ist und trägt alles in einen virtuellen Überweisungsträger ein. Und per Fingerabdruck auf dem Touchscreen kann der Kunde dann die Überweisung bei der Bank anweisen. Schon ist das Geld unterwegs zum Empfänger. Kein Mensch in der Bank muss dafür einen Finger rühren.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In kaum einer Branche haben Digitalisierung und Automatisierung, die rasante Verbreitung von Internet und Smartphones das Tagesgeschäft dermaßen verändert wie in den Banken. Drei Viertel der Kunden nutzen nach aktuellen Zahlen des Branchenverbands Bitkom schon Online-Banking, 28 Prozent erledigen das mit der Smartphone-App. „Als ich eine Banklehre gemacht habe, kamen die Kunden noch in die Filiale, um ihr Sparbuch aktualisieren zu lassen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, erst kürzlich in einem Interview. Heute checkten die Kunden der Bank bis zu 400 000 Mal am Tag ihren Kontostand über die App der Bank. Wenn die alle in die Filialen kämen, würden sich dort lange Schlangen bilden, sagte Blessing weiter. In der Realität haben viele Bankfilialen eher mit zu wenigen als zu vielen Kunden zu kämpfen. Denn die erledigen das meiste online und kommen oft nur noch, um Geld und Kontoauszüge zu holen - am Eingang aus dem Automaten.

          Die Technik wickelt heute viele Bankgeschäfte ab.

          Blessings Verweis auf seine eigene Lehrzeit in den Achtziger Jahren mag nostalgisch klingen - er zeigt aber, wie sehr sich der Wandel der Branche bis auf ihre Wurzeln auswirkt: die Bankkaufmannslehre. Denn all die Handgriffe, die heute Automaten und Computer übernehmen, haben vor nicht allzu langer Zeit noch Menschen ausgeführt. Dadurch wurden die Banken zu großen und wichtigen Arbeitgebern - die nicht nur ihre Akademiker gut bezahlten. Der Bankkaufmann galt im 20. Jahrhundert als Inbegriff einer soliden Ausbildung. Wer seine Eltern - und sich selbst - beruhigen wollte, schloss nach der Schule erst mal eine Banklehre ab. Egal, was dann noch kam - die Qualifikation fürs Berufsleben stand damit auf einem sicheren Fundament. Doch die Digitalisierung rüttelt auch an dieser Institution des Ausbildungsmarktes und wirft die Frage auf: Wofür werden Bankkaufleute in Zukunft überhaupt noch gebraucht?

          Nur noch halb so viele Ausbildungsplätze

          Den Umbruch belegen schon die nackten Zahlen. 100.000 Bankarbeitsplätze sind in den Jahren 2000 bis 2010 in Deutschland verlorengegangen, wie eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (Bibb) aus dem vergangenen Jahr zeigt. Das Platzen der Dotcom-Blase und die Finanzkrise haben nur einen Teil dazu beigetragen. Die Autoren der Studie nennen vor allem die gesteigerte Produktivität, die dem „vermehrten Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie“ zu verdanken sei, als Grund. Wo weniger Mitarbeiter sitzen, werden auch weniger Auszubildende gebraucht: Die Zahl der neuen Bankausbildungsverträge hat sich laut der Bibb-Studie seit Anfang der neunziger Jahre bis zum vergangenen Jahr auf 13.000 fast halbiert.

          Wie wenige Menschen im modernen Bankgeschäft auch in vergleichsweise großen Häusern gebraucht werden, zeigt das Beispiel ING Diba. Gemessen an den 8 Millionen Kunden, ist die Direktbank, die nur über das Internet und per Telefon zu erreichen ist, die drittgrößte Bank in Deutschland. Sie erledigt Bankgeschäfte im Wert von 137 Milliarden Euro (Bilanzsumme) mit gerade einmal 3500 Mitarbeitern. Zum Vergleich: Die Postbank, bei der vieles noch in Filialen erledigt wird, kommt mit ihren 14 Millionen Kunden auf eine Bilanzsumme von 155 Milliarden Euro; beschäftigt dafür aber viermal so viele Mitarbeiter wie die ING Diba.

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