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Ausbildung an der Schauspielschule : Großer Spielraum, großes Risiko

Rollenfachunterricht mit ungleichen Schwestern: Lea Sophie Salfeld (links) gibt die Elektra, Anja Thiemann die Chrysothemis Bild: Andreas Müller / F.A.Z.

Schauspieler zu werden ist ein Traum. Der Alltag ist hart, herausfordernd - und beglückend. Das zeigt die Spielfreude der Schüler, die es auf die Otto-Falckenberg-Schule in München geschafft haben. Ein Schulbesuch.

          Düster ist es im abgedunkelten Dachatelier, es herrschen gefühlte 40 Grad. Lea wirft sich vor das improvisierte Grab, wühlt in der feuchten Erde, beschmiert sich mit den dunklen Krumen, tobt vor Rache und Verzweiflung. Die großgewachsene, schwarzgekleidete 24-Jährige aus Oldenburg probt die Elektra von Hofmannsthal. Schauspieler und Gastdozent Mathias Noack schaut ihr dabei zu. Wohlwollend, aber kritisch. Dann kommen Anja, als Lichtgestalt Chrysothemis ganz in Weiß gekleidet, und Matthias als Orest ins Spiel. „Nicht so zickig-beleidigt“, bremst Noack, ermuntert zu mehr Präsenz. Nach schweißtreibenden Wiederholungen ist er mit der Szene zufrieden, die seine drei Schüler entwickelt haben.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die vier ziehen sich zur Pause auf den schmalen Hinterhof mitten in der Münchener Innenstadt zurück. Oben wird weiter geprobt. Aus einem der offenen Fenster tönt es laut: „Ich verrecke hier!“ Niemand hört hin. Die Elektra hat sich für eine Zigarettenpause zurückverwandelt in Lea Sophie Salfeld, Schauspielschülerin im dritten Jahr. Die selbstbewusste Frau mit den langen Haaren und grünen Augen kommt aus einer musikliebenden Familie, hat nach dem Abitur zwei Jahre Jazzgesang in Berlin studiert und dann einen der begehrten und kostenlosen Plätze an der Fachakademie für Darstellende Kunst bekommen. Sie verkörpert Schwung und Optimismus. Obwohl sie Schauspielerfreunde hat, die arbeitslos sind, kennt sie selbst keine Zukunftsängste. „Das wird schon irgendwie funktionieren.“ Wie die gleichaltrige Anja Thiemann hat sie schon als Jugendliche Theater gespielt. Anja hat sogar das Gymnasium gewechselt, um bei einer Theatergruppe mitzumachen, und sagt: „Spielen, das ist für mich eine innere Leidenschaft.“

          Das geht Matthias Zera, geboren in Danzig, aufgewachsen in Dortmund, ähnlich. Der Sohn eines Bühnenbildners ist groß und blond und stieß mit sechs Jahren auf seinen Traumberuf. „Das klingt jetzt blöd, aber da habe ich ,Zeit des Erwachens' mit Robert De Niro geguckt und war beeindruckt. Da habe ich beschlossen: Das will ich auch machen.“ Als Jugendlicher spielte er den Urfaust, machte seinen Zivildienst am Theater und bekam in München einen Platz.

          24 Rollen haben die Schüler am Ende ihrer Ausbildung erarbeitet

          Nur zwölf Bewerber schaffen den Aufnahme-Marathon

          Der ist heiß begehrt. Von 800 Bewerbern schaffen zwölf den Marathon der Aufnahmeprüfungen. Die renommierte, 1946 gegründete Schule, eine von 13 staatlichen Schauspielschulen in Deutschland, gilt als liberal und eröffnet großen Handlungsspielraum. „Die Schüler sollen nicht nur die Fähigkeit zur Darstellung mitbringen, sondern auch die Lust zur Auseinandersetzung mit der Welt“, betont Direktor Jochen Noch. „Wir wollen kreative Menschen.“ Ruth Drexel, Mario Adorf und Sebastian Koch sind nur drei von vielen prominenten Namen auf der Absolventenliste. Die zwölf neu Ausgewählten bilden eine Klasse und werden in Körperarbeit, Sprecherziehung, Stimmbildung und Gesang unterrichtet. Auch Fechten wird angeboten. Weniger um später auf der Bühne den Degen zu schwingen, mehr um Koordination und Körberbeherrschung zu schulen. Im Mittelpunkt des Schauspielunterrichts stehen Improvisation, szenische Übungen und die Arbeit an der Rolle. Die insgesamt 50 Schüler proben Stücke von Zeitgenossen bis hin zu Dramen der Antike. Während ihrer vierjährigen Ausbildung erarbeiten sie rund 24 Rollen. Dramaturgie, Theatergeschichte und Filmanalyse sind nur einige der theoretischen Fächer, die hinzukommen.

          Die Hürden für die Schüler seinen nicht gerade niedrig, erklärt Gastdozent Noack: „Die Schüler müssen sich auf der inhaltlichen Ebene mit wahnsinnig fremden Sachen auseinandersetzen, etwa der Elektra, die vom Rächen träumt.“ Und das in einer Sprache, die schön, aber fremd ist. „Die müssen sie durchdringen und verständlich machen. Und sie müssen mit dem Körper gut erzählen können.“

          Wohngemeinschaftsgefühl in der Schule

          Zeit, nebenbei zu jobben, ist knapp. Unterricht und Proben teilen die Tage ein, die Stundenpläne wechseln wöchentlich. Im Hauptgebäude der Schule in der Hildegardstraße gibt es Küche, Aufenthaltsraum und ein Wohngemeinschaftsgefühl. Hier treffen sich die Schüler zwischendurch zum Essen, zum Lernen der Texte, zum Abhängen.

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