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Aufsteiger-Karriere : Der Mann von der Kirmes

Willi Hombach Bild: Schoepal, Edgar

Versicherungsvertreter ist zunehmend ein akademischer Beruf. Willi Hombach dagegen hat sich als Ungelernter nach oben gearbeitet - und genießt Kultstatus in einer Branche, die für Versicherungsvertreter normalerweise ein rotes Tuch ist.

          „Bei einem, der früher bei uns war.“ Diese Antwort hören Schausteller häufiger, wenn sie andere Mitglieder ihrer Zunft fragen, wo sie sich ihren Versicherungsschutz besorgt haben. Willi Hombach gehört zum Inventar der Branche. 68 Jahre alt, 50.000 Kilometer im Jahr unterwegs, immer montags und freitags findet man ihn auf einer Kirmes, einem Weihnachtsmarkt oder in den großen Lagerhallen, in denen Schausteller ihre Fahrgestelle und Buden im Winter überholen. „Anderen muss man alles ganz genau erklären“, sagt Vanessa Markmann, die ihre rheinländische Schaustellerdynastie in dritter Generation fortführt. „Bei ihm reichen drei Sätze.“

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Hombach gehört einer aussterbenden Spezies an: Als Ungelernter kam er Anfang der siebziger Jahre in die Versicherungswirtschaft. Nach vier Jahren im Innendienst bekam er eine eigene Agentur in Erftstadt bei Köln übertragen und hat sich langsam einen Bestand aufgebaut. „Die Leute früher kamen aus dem Leben, der Motorenzerklopper von Volkswagen war einer der Besten im Unfallgeschäft“, erinnert sich Hombach an die alten Zeiten. „Heute sind das alles Studenten, die haben nie gearbeitet.“ Er dagegen weiß, wovon er spricht, wenn es um Feuerschutz für Imbissbuden geht, um Transportversicherungen für Zugmaschinen oder um Leitungsschäden bei Wohnwagen. „Deutschlandweit kenne ich einen großen Teil der Schausteller“, sagt er. „Mit vielen von ihnen bin ich zusammen zur Schule gegangen.“

          Hombach hat längst das Rentenalter erreicht, doch ans Aufhören denkt er nicht. Vor drei Jahren musste er seine Generali-Agentur an einen Nachfolger weitergeben und ihm die Hälfte seines Bestands übertragen. Wer viele Schadenversicherungen verkauft hat, kann von den Bestandsfolgeprovisionen ganz gut leben. Doch inzwischen ist die Zahl seiner Kunden schon wieder auf 500 angewachsen. „Versicherung ist ein hartes, arbeitsames Geschäft. Wenn ich viel Zeit investiere, bleibt der Kunde“, sagt er. „Die Leute sagen: ,Willi, dich erreiche ich Tag und Nacht‘.“

          „Schausteller sind für viele ein rotes Tuch“

          Die Prominenz des Landes zeigt sich gern mit den Schaustellern. Am Freitag besuchte nicht nur Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) die Jahreshauptversammlung der Branche in München, sondern auch EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU). Die Assekuranz dagegen ist zurückhaltend. Gerade einmal eine Handvoll Versicherungsvermittler teilen sich das Geschäft auf. „Schausteller sind für viele ein rotes Tuch“, sagt Hombach. Etliche Versicherer hätten von heute auf morgen Policen mit dem fahrenden Volk gekündigt. „Dabei sind die sehr zuverlässig. Und ich weiß, von wem man die Finger lassen muss.“

          Eine solche Expertise lässt sich schwer aufbauen, wenn man Geschäft und Akteure nicht von der Pike auf kennt. Und Hombach kennt sie - „auf der Reise groß geworden“, so ist der Fachbegriff für sein Leben: Von klein auf zog er mit seinen Eltern von Stadt zu Stadt. Waren sie eine Woche in Bayern, ging er dort zur Schule, dann am nächsten Ort. „In jeder Stadt hatte ich eine Freundin. Ich muss aufpassen, dass mich nicht irgendwo jemand mit ,Papa‘ anspricht.“ Er hat fünf Kinder und ein Stiefkind aus mehreren Beziehungen.

          Als er 18 war, starb seine Mutter, und das Leben auf der Reise war abrupt zu Ende. Hombach arbeitete sich in einer Papierfabrik zum Maschinenführer hoch. Danach fuhr er mit den Beatles und den Rolling Stones über die Lande. Schließlich bekam er das Angebot bei der Inter Unfall, die später von der Generali übernommen wurde. Mit Annoncen in der Kirmes-Revue bot er sich als Partner der Schausteller an. Spätestens seit sie für ihre Karusselle eine Haftpflichtversicherung vorhalten müssen, kommen sie auch von sich aus auf ihn zu.

          Von Zeit zu Zeit brennt eine Bude ab

          Dabei sind geschädigte Jahrmarktbesucher ein seltenerer Schadenfall. „In Köln ist kürzlich jemand aus einer Gondel gefallen. Es hat sich aber herausgestellt, dass er selbst mit den Beinen über die Halterung gestiegen ist.“ Die häufigsten Fälle sind naheliegender, wenn man sich die beeindruckenden Lagerhallen der Familie Markmann in Euskirchen an ihrem Wintersitz in einem Gewerbegebiet ansieht: Kaskoschäden an den Zugmaschinen, Leitungsschäden in den imposanten Wohnwagen, die zum Teil 100 Quadratmeter Wohnraum bieten und bis zu 500.000 Euro wert sind. Von Zeit zu Zeit brennt auch eine Bude ab.

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          „Willi, du warst doch schon dabei, als mein Großvater mit der Schiffschaukel groß geworden ist“, sagt Vanessa Markmann und gibt damit eine Erklärung für das gewachsene Vertrauensverhältnis. Das führt so weit, dass manch ein Schausteller Hombach 5000 Euro für die fälligen Versicherungsprämien in die Hand drückt, wenn er montags oder freitags bei ihnen vorbeischaut.

          „Ich muss auch mal für eine Schadensmeldung oder ein Mofa-Schild raus. Dann weiß der Kunde, an wen er sich wenden kann, wenn er mal was Größeres hat“, sagt Hombach. Mit diesem Selbstverständnis ist er bei manchem Filialleiter angeeckt. Denn konsequent hat er sich sein Leben lang geweigert, ein eigenes Ladengeschäft für seine Agentur zu eröffnen. „Manche Filialleiter wissen nicht, wie Versicherung geschrieben wird, meinen aber, sie haben sie erfunden.“ Sein Leben lang sei er frei gewesen, das wolle er sich von Theoretikern in den Zentralen nicht nehmen lassen.

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